Sinnsuche

Heute mal ein feucht-fröhliches Hallo an Sinnsuchenden. Bzw. an die, die den Sinn im Leben schon gefunden haben. Von denen hätte ich ja gerne mal einen Tipp. Nämlich: wie zum Geier findet man den Sinn?

Wir befinden uns ja inzwischen im fortgeschrittenen zweiten Jahr unserer Laien-DIY-Sanierung. Es ist zwar schon einiges passiert, aber von „fertig“ sind wir noch viele, viele Meilen entfernt. Gerade habe ich mir auch mal wieder – das hätte ich nicht tun sollen – die ersten zwei, drei Artikel dieses Blogs durchgelesen. Zuerst hab ich noch geschmunzelt. Geschmunzelt auf diese Art, wie es Leute tun, die es inzwischen besser wissen. Dieses Schmunzeln (wenn man ehrlich ist, wird da ein wenig von oben herab geschmunzelt) wird gern von Älteren aufgesetzt, wenn junge Leute von ihren Lebensträumen erzählen. Oder von dreifachen Eltern, wenn ein junges Paar sein Erstgeborenes erwartet und allen Ernstes glaubt, dass Liebe reicht, um das Baby groß zu bekommen. So kommt’s mir auch gerade vor: Roman und ich sind inzwischen alte Eltern, die ihr Baby nicht mehr ganz so verliebt, sondern mit etwas mehr Realismus ansehen. Das sprichwörtliche Baby ist natürlich das Haus, das versteht sich für die treue Leserschaft von selbst. Irgendwann beim  Lesen ist mir das Schmunzeln vergangen und ich hab nur noch den Kopf geschüttelt. Über meine Vorstellungen von damals. Die Vorstellungen vom Haus und von mir selbst und unserem Können. Wenn der ursprüngliche Plan aufgegangen wäre, würden wir in wenigen Tagen unsere ersten Gäste empfangen. Jetzt ist es so, dass ich mich beim Betreten des Hauses immer frage, ob überhaupt jemand jemals diese Hütte bucht. Und wenn ja, werden Roman und ich diese dann gemeinsam empfangen oder schon einen Mittelsmensch benötigen, weil wir beide unmöglich mehr im selben Raum sein können? Wenn ich so zurück blicke, fordert die Sanierung einem schon einiges ab. Bei Roman und mir ging es zuvor auf jeden Fall harmonischer zu. Nun kann man nicht genau sagen, ob das am Haus oder an den zunehmend anspruchsvollen Kindern liegt. Zu Beginn unseres Abenteuers hing die Kleine mir immer noch still und glücklich in der Trage an der Brust, inzwischen ist sie genauso wach und voller Energie wie ihr großer Bruder – nur in einer anspruchsvolleren, lauteren Version. Die Kinder in Kombination mit Spachtelmasse, fragiler Wandkeramik oder Tapetenkleber bringen uns teilweise an unsere Grenzen. Gleichzeitig bin ich – wenn ich mir mal Zeit nehme für ein paar ehrliche Gedanken – so positiv vom Mann an meiner Seite überrascht. Was er alles anpackt! Ohne Müdigkeit, ohne Angst oder Bedenken, ohne jedes Zögern! Es ist einfach toll zu sehen, was er in den vergangen zwei Jahren gelernt hat. Das ist ja auch nicht nur das Handwerkliche selbst. Vielmehr ist es das Vertrauen, sich selbst helfen zu wissen. Wo ist der Schreibtischheld von damals hin, der in seiner Freizeit gezockt oder seltsame Trickfilmserien für Erwachsene geguckt hat? Sicherlich schmerzt es ihn heute genauso wie damals, wenn er sich an einer rauen Steinwand die Haut von den Knochen schrammelt! Doch wie anders seine Reaktion auf körperliche Versehrtheit heute ist: „Wenn ich erstmal einen Indianer heirate, ist alles wieder gut.“, schnieft er heutzutage so oder so ähnlich nur vor sich hin, während er sich das eigene Blut von den Fingern leckt. Und dann geht er schniefend aber unverdrossen weiter seinen aktuellen Geschäften nach. Das imponiert mir sehr und tjoa, macht mich ein bisschen an, höhö. Und dass er all meine Launen (die ich wohl ab und an zeige, wenn man den Berichten glauben darf) anstandslos und absolut nicht nachtragend akzeptiert. Das bekäme ich wohl bei keinem anderen.

Und trotzdem…. Trotzdem bin ich gerade an einem Punkt angelangt, wo ich mich frage, ob es all den Stress lohnt. Wir verdienen beide gut, wir haben zwei (nervenauf-)reizende Kinder, mit denen keine Langeweile aufkommt. Warum das alles? Warum nicht einfach in den Ferien in den Urlaub fahren? Kurztripps nach Paris (natürlich ohne Kinder) oder in einen Ferienclub (mit Kinderbetreuung) oder in den Freizeitpark (die Kinder mit den Großeltern). Warum die Kohle nicht in ETFs stecken statt in Baumaterial? Stattdessen verbringen wir jedes Wochenende und jeden Urlaub auf der Baustelle, die trotzdem einfach nicht fertig wird. Und wenn es denn mal fertig wird: trifft es überhaupt die Geschmäcker potentieller Kunden? Bekommt man das überhaupt ordentlich vermarktet? Geht auch nichts kaputt? Ist es keine finanzielle Katastrophe? Werden wir irgendwann einmal zu viel über die richtigen Maße, die korrekte Anwendung von Feinspachtelmasse, das beste Tapetenmuster gestritten haben? Was dann?

Vielleicht liegt es an dem Schietwedda da draußen, vielleicht auch an den Erlebnissen der letzten Wochen: ich werde demnächst meinen Job wechseln, den ich immer sehr gern gemacht habe und habe – Schisser, der ich bin – ein wenig Angst vor dem Kommenden. Außerdem hat mich die Erbfrage, vor der ich ja immer noch stehe, einiges an Nerven und Überlegung gekostet. Immerhin deutet sich hier eine Auflösung aller Fragen an: wir haben tatsächlichen einen Grundbuchauszug und Infos von den diversen Banken einholen können. Damit meinen wir, die Höhe der Schulden, die auf dem Gebäude bzw. dem Grundstück liegt, einigermaßen einschätzen zu können. Außerdem habe ich mich anwaltlich beraten lassen, welche Wege ich bei aufkommenden Streitfragen in einer Erbengemeinschaft gehen könnte. Demnächst habe ich einen Termin mit der netten Dame von der Unteren Denkmalbehörde, von der ich schon berichtet hatte. Danach müssten wir in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen, die einigermaßen begründet und vernünftig ist. Jetzt, wo ich das schreibe, merke ich: Ich bin verliebt in diese kleine, alte, morsche Hütte. Sie ist auch wirklich bezaubernd, oder? Gleichzeitig weiß ich nach fast zwei Jahren der Sanierung auch, welche Mammutaufgabe da lauern würde. Unser aktuelles Projekt ist ja über hundert Jahre jünger als das Denkmal und trotzdem beißen wir uns daran die Zähne aus. Ich bin also nicht mehr ganz so blauäugig wie noch vor zwei Jahren.

Sollten wir es also lieber alles lassen? Die Sanierung möglichst schnell durchziehen und uns dann auf den hoffentlich zahlenden Gästen ausruhen? Soweit man bei regelmäßigen Putzaktionen, Vermarktungsversuchen und dem stetigen Auffüllen von Verbrauchsgütern im Haus von Ausruhen sprechen kann… Am Anfang unserer kleinen Ferienhausreise war es unser erklärtes Ziel, dass dies erst, ja, der Anfang eben sein sollte. Wir wollten unbedingt mehr als ein Haus unser Eigen nennen. Ein kleines Immobilienportfolio quasi, wenn man es so formulieren möchte. Und ich wollte es so formulieren. Ich mochte die Vorstellung, dass es überall da draußen (mit draußen sind Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gemeint) kleine Zuhauses gäbe, die ich nach meinen Vorstellungen gestalten könnte. Das Einrichten des Esszimmers und der Küche zum Beispiel hat in den letzten Wochen unheimlich Spaß gemacht. Und ich habe so viele Vorstellungen, dass es ganz sicher für ein großes Immobilienportfolio reicht.

Letztlich ist es wohl die Frage, ob all der Stress am Ende einen Sinn bekommt. Kann das irgendwer da draußen im großen Internet beantworten? Wenn ihr auch Ferienhäuser vermietet: ab wann hattet ihr den Gedanken, dass Aufwand und Ertrag im Einklang bzw. mit deutlichem Ausschlag zum Ertrag standen?

Hach, ich höre auf für heute, sonst werde ich zu melodramatisch und das ist nicht gut. Es muss am Wetter liegen. Wann ist eigentlich endlich Frühling….?

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. björn sagt:

    Hallo Steffi, das sind tolle Zeilen und Sie gleichen sich mit vielen Gedanken von uns uns selbst. Wir vermieten aktuell zwei Ferienhäuser (je eins in Brandenburg: https://www.ferienhaus-spreewald-lehde.de/ und eins in MV: https://www.bootshaus-mecklenburg-teterow.de/), in die wir sehr viel Liebe und Mühe steckten und gesteckt haben. Nebenbei sanieren wir aktuell ein weiteres Objekt. Ja, es gibt den Punkt, an dem die Häuser, Gäste sowie das Machen einem sehr viel zurück geben. Es sind die Freude und der Spaß daran, gefühlt etwas Sinnvolleres getan zu haben, als mit der Maus in der Hand vor dem Bürobildschirm zu sitzen (an dem wir in unserem echten Leben arbeiten). Es sind die Gäste, die uns schreiben und sich dafür bedanken, dass wir Ihnen eine wunderbare Zeit an einem besonderen Ort beschert haben. Und es sind die vielen Erfahrungen und Menschen, die wir ohne die Projekte niemals hätten kennen lernen können. Also: Weitermachen und nicht zu viel unter Druck setzen. Es lohnt sich (sehr). Beste Grüße, björn

    Liken

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