Polizeieinsatz

Corona, überall Corona. Auch bei uns. Nur um das klar zu stellen, wir sind nicht erkrankt. Vielleicht noch nicht. Vielleicht wissen wir es auch einfach nur nicht. Auf jeden Fall spielt das Virus, das derzeit unser aller Leben so verändert hat, gesundheitlich bei uns keine Rolle. Ausnahmsweise sind wir alle gesund, was wahrlich nicht oft der Fall ist, Kita-Keimen sei Dank.

Aber natürlich sind auch wir betroffen. Unser Arbeitgeber erlaubt uns, die meisten unserer Arbeiten vom heimischen Schreibtisch aus zu erledigen, so dass wir die Schließung der Kita kompensieren können. Das ist gut. Wir haben hinter dem Mehrfamilienhaus, in dem wir wohnen, einen Mini-Garten mit Schaukel und Sandkasten, in dem die Kinder sich weitestgehend auspowern können – wenn wir sie auch ständig ermahnen, nicht ganz so viel Radau zu machen. Das ist auch gut. Wir wissen, wir haben es somit besser als viele andere, die sich vielleicht in ihren engen Wohnungen aufhalten müssen und dem Bewegungsdrang ihrer Kinder kaum Raum geben können. Dennoch freuten wir uns auf das Wochenende, das wir auf der Baustelle verbringen wollten. Körperliche Arbeit für uns Erwachsene, der Garten für die Kinder. Die letzte Woche haben wir uns einfach zu viel in der Wohnung aufgehalten. Schließlich mussten wir auch im Home-Office arbeiten. Die Kinder wurden zu oft auf „später“ vertröstet, mussten zu oft „jetzt aber bitte mal kurz leise“ sein und bereits an Tag 4 des Ausnahmezustandes teilte der Sohn mit, dass er seine Freunde nun sehr vermisse.

Also packten wir unsere sieben Sachen und machten uns auf den Weg nach Grambin. Kaum angekommen kam Roman auf die brillante Idee, doch mal zu prüfen, welche Regularien in Corona-Zeiten eigentlich in Mecklenburg-Vorpommern gelten. Hätte man sicher auch früher drauf kommen können, aber wir lebten in unserer kleinen Berliner Blase, in der wir unsere Informationen größtenteils entweder aus überregionalen Medien oder der rbb-Abendschau bezogen. Nun stellte sich heraus, dass Mecklenburg-Vorpommern einen seltsamen Sonderweg des Shutdown betreibt – nämlich nur für Leute, die nicht aus Mecklenburg-Vorpommern kommen. Diese sollen nämlich bitteschön fernbleiben und zwar sämtlichst. Zum Einen betrifft das Touristen. Zunächst wurden sie von den Mecklenburgischen Inseln ausgeschlossen, dann aus dem gesamten Bundesland. Tourist ist man jedoch auch, wenn man zwar ein Haus bzw. eine Wohnung im schönen MV besitzt, aber dort nicht dauerhaft wohnt, sondern z. B. nur seinen Zweitwohnsitz angemeldet hat. Nun fragt man sich zwar, warum das dann Zweitwohnsitz heißt, aber das ist offenbar für die dortige Regierung eine Frage, die aktuell keiner Beantwortung bedarf. Nur Menschen mit Erstwohnsitz dürfen sich derzeit in Mecklenburg-Vorpommern aufhalten und Menschen, deren Zweitwohnsitz dort ist und deren Anwesenheit zwingend notwendig ist. Außerdem Menschen, die im Bundesland einer Erwerbsarbeit oder einer selbständigen Arbeit nachgehen. Wir überlegten. Wir haben unseren Erstwohnsitz definitiv nicht in Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben dort nicht mal unseren Zweitwohnsitz, denn unser Ferienhaus dient ausdrücklich nicht unserer eigenen Erholung, sondern soll ausschließlich der „Gewinnerzielung“ dienen, wie wir dem Finanzamt beständig beteuern – und wie wir es auch tatsächlich beabsichtigen. Regelmäßig müssen wir unseren Sohn bremsen, der ab und an nachfragt, wann wir denn nun dort einziehen werden. Nein, Sohn, sagen wir dann, wir bereiten das hier für andere Menschen vor. Für unsere Gäste. Unverständnis beim Sohn. (Offenbar auch Unverständnis beim Land Mecklenburg-Vorpommern.) Wir verstehen uns jedenfalls nicht als Touristen. Dann würden wir weniger Zeit auf der Baustelle verbringen, sondern öfter mal alle Viere gerade sein lassen. Und wir wollen ehrlich sein: wir haben für dieses Haus viel Geld ausgegeben. Geld, das nicht uns gehörte, sondern der Bank. Und die will es wiederhaben. Um die Kredite zu bedienen und o. g. Gewinn zu erzielen, brauchen wir Gäste. Um Gäste zu bekommen, brauchen wir ein funktionierendes Haus. Es war also für uns völlig klar: wir waren keine Touristen, sondern wollten einer erwerbsmäßigen Tätigkeit nachgehen. Wir blieben also. Wir schafften es, genau eine Wand zu verputzen, dann klopfte die Polizei an die Tür.

Es war Sonntagmorgen, wir saßen gerade am Frühstückstisch, der Tagesplan wurde aufgestellt. Am vorigen Tag hatten wir gewitzelt, was wir wohl tun würden, wenn die Polizei klingeln würde. Zur Tür gehen vermutlich.

Nun war es soweit. Auf einmal parkte ein Polizei-Van vor unserem Haus. Roman rief: „POLIZEI“, duckte sich und riss die Tochter vorsorglich mit zu Boden. Der Sohn und ich folgten gehorsam und gingen in die Knie bzw. in ersterem Fall direkt unter den Tisch. Im Nachhinein frage ich mich, welche Erlebnisse meinen Lebensgefährten vor unserem Kennenlernen derartig prägten, dass er beim Anblick der Polizei nicht etwa verwirrt war, sondern sogleich in Deckung ging. Muss ich mir Sorgen um meine Kinder machen? Mein Roman, der neue Bachelor? Er hatte auch noch nie Schwäne gefüttert… Aber lassen wir das. Die Polizei klingelte natürlich nicht, denn es gibt keine Klingel. Nur ein nacktes Kabel, das aus der Wand ragt. Aber das schreckte sie nicht ab, sie klopften einfach.

Da hockten wir also und überlegten. Als gute Deutsche neige ich ja dazu, Autoritäten gegenüber sehr folgsam zu sein. Ich war also diejenige, die zur Tür geschickt wurde. Ich ging hin und öffnete. Eine Polizistin und ein Polizist stellten sich freundlich vor – nicht ohne mich und meine Rotband-verschmierte Leggings irritiert zu mustern. Sie fragten, ob ich aus Berlin käme. Ich bejahte und wartete ab. Sie auch. Wir starrten uns an. Das war der erste und letzte Kampf, den ich gewann, sie sprachen als Erstes: „Wir sind aufgrund von Bürgerhinweisen hier und haben gehört, dass dies hier ein Ferienhaus ist. Ist das richtig?“ – „Das ist richtig“, stimmte ich zu. „Aber wir machen hier keine eigenen Ferien“, wollte ich gleich mal richtig stellen. Ich erklärte ihnen, dass wir das Haus gerade zur Vermietung – und zwar ausschließlich zur Vermietung – herrichten und dabei durchaus in Eile waren. Gleichzeitig wich ich einen Schritt zurück, denn dafür, dass sie Mecklenburg-Vorpommern vor uns verseuchten Berlinern schützen wollten, kamen sie erstaunlich nahe. Nix da mit anderthalb Metern!

Und Außerdem, dachte ich. Außerdem!!! Was heißt denn hier „Bürgerhinweise“?, dachte ich. „Bürgerhinweise?“, fragte ich also empört. „Von wem denn?“ Das war natürlich anonym, erklärten die beiden mir. Klaro. Man darf seine Mitmenschen anonym beobachten und bei der Polizei anzeigen. Sowas geht. Aber wehe, der Angezeigte will Auskunft. Dann ist auf einmal der ver**te Datenschutz immens wichtig. Ich meine, das war jetzt nicht gerade ein explosives Whistleblowing, was da betrieben wurde. Dieses zu schützen, verstehe ich. Wenn wir aber in Zeiten zurückfallen, in denen moralinsaure Bürgerinnen und Bürger durch Gesetze dazu ermuntert werden, ihre Mitmenschen auszuspionieren und der Obrigkeit auszuliefern, dann werde ich doch ärgerlich. Wenn die wenigstens richtig hingeguckt hätten! Dann wären sie nämlich soweit informiert gewesen, dass wir da in aller Ruhe vor uns hin sanieren und keine Menschenseele anhusten. Die taten ja gerade so, als sei unseren Anwesenheit in unserem eigenen Haus Ursache und Beginn eines Massensterbens.

Ich diskutierte noch eine Weile mit den beiden, während sie meine und Romans Personalien aufnahmen. Die der Kinder benötigten sie nicht, wie sie generös versicherten. Ok, die lesen ihre Strafbescheide ohnehin nicht selbst, stimmte ich ihnen zu. Wie lange wir zum Packen benötigen, wollten sie nun wissen. Ich sah an mir herunter und veranschlagte drei Stunden. Sie sahen an mir herunter und waren einverstanden.

Wir verabschiedeten uns, nachdem sie mich warnten, dass ich nur drei Stunden von einer Straftat entfernt sei. Dann müsse ich womöglich ins Gefängnis. (Ok, Letzteres sagten sie nicht wirklich, aber der Polizist hob bedeutungsschwanger seine Braue…) Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, hockte der Sohn heulend unterm Tisch. Hatte vermutlich ebenso Angst wie ich, dass Mutti bald in den Knast wandern würde.

Ich will ehrlich sein. (Meine Güte, dieser Blog ermuntert mich seit anderthalb Jahren zu mehr Ehrlichkeit, als die letzten 35 Jahre davor.) Den Rest des Sonntages war ich ziemlich down. Ich war betrübt darüber, dass es einen oder mehrere besorgte Bürger in diesem 400-Seelen-Nest gibt, denen unsere Abreise offenbar so wichtig war, dass sie tatsächlich zum Hörer griffen und die Polizei riefen. Ich habe mich in meinem Leben wahrlich schon über viele Leute geärgert. Über deren Ungerechtigkeiten, ihre Lautstärke, ihre Manieren, ihre Rücksichtslosigkeit und ihr illegales Verhalten. Aber nicht ein einziges Mal habe ich die Polizei gerufen. Nicht mal bei den illegalen! Zugegeben, diese Illegalitäten beschränkten sich vielleicht bisher auf den Konsum unerlaubter Substanzen oder auch Spielfilme, aber ich lebe eigentlich nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Grambin, also ein Ort voller Denunzianten? Das wollte ich nicht glauben. Andererseits…. Die Polizisten hatten das Wort „Bürgerhinweis“ ja sogar im Plural verwendet! Kann natürlich auch eine Floskel gewesen sein. Inzwischen liest man ja in allen Medien über eifrige Nachbarn in den nördlichen Bundesländern, die ihre Besucher den lokalen Behörden melden – oder direkt mit Steinen bewerfen. Ich frage mich, woran das liegt? Die Angst, die wohl vor allem jene befällt, die sich durch Corona einem größeren Risiko als andere ausgesetzt sehen, kann ich nachvollziehen. Die Unsichtbarkeit und somit Unberechenbarkeit des neuen Feindes muss wohl durch konkrete Personen substituiert werden, auf die man Wut und Angst lenken kann, um die eigenen Ohnmacht zu erleichtern. Auch das kann ich nachvollziehen, wenn ich tief in mich hineinhorche. Aber dass man dieser Angst nachgibt und jede Vernunft fahren lässt, das kann ich nicht nachvollziehen. Die vermeintlich klaren Regeln, denen wir uns aktuell gegenübersehen – Ausgangsverbot, Zweitwohnsitzverbot, o. ä. je nach Lage – machen es jedoch in solchen Zeiten wohl zu einfach, in manchen Personen den Bösewicht zu erkennen. Nämlich in allen, die diese klaren Regeln nicht anerkennen wollen. Aber klare Regeln, klare Verordnungen (obwohl ausgerechnet die ja ohnehin nie besonders klar sind) und achso klare mediale Verlautbarungen bedeuten halt nicht, dass ihre Klarheit auch auf juristischen Sachverhalten oder gar moralischem Konsens beruht. Wie oft wurden schon erlassene Gesetzte vom Verfassungsgericht wieder kassiert? Wie oft lehrte uns der Fortgang der Geschichte, dass einst sichere Wahrheiten heute nur noch rückständig sind? Was ich sagen will: So wichtig die Erhaltung unserer aller Gesundheit auch ist – und in der Tat ist sie ein hohes Gut! – so wenig dürfen daneben andere Errungenschaften der Zivilisation vergessen werden. An dieser Tür, als ich mich tatsächlich mit der von meinen Mitmenschen herbeigerufenen Polizei konfrontiert sah, war ich sicher, dass wir neben der Gesundheit auch unsere Freiheit verteidigen müssen. Das hier war mein Eigentum! Ich schadete niemandem! Es gab nur ein Deutschland, innerhalb dessen es keine Grenzen mehr geben durfte.

Was also konnten wir tun? Wie ich hier bereits mehrfach zugeben musste, liegt es einfach nicht in meiner Natur, klein bei zu geben. Ich kann nicht akzeptieren, dass andere über mein Schicksal entscheiden. Also entschloss ich mich zu dem, was sich in der Vergangenheit am besten bewährt hatte. Ich beschloss zu pöbeln.

Zunächst legte ich telefonisch los. Ich suchte mir die eigens für Pöbler wie mich eingerichtete Hotline des Innenministeriums für Mecklenburg-Vorpommern heraus. Die war natürlich überlastet. Es kostete mich eine Stunde, zu einem bedauernswerten Hotline-Mitarbeiter durchgestellt zu werden, der meine Tirade in ähnlicher Form vermutlich zum xten Mal an diesem Tag hörte. Ich legte unseren Fall dar und verlangte, wieder einreisen zu dürfen. So wie ich die Verordnung zur Eindämmung der Corona-Viren las, hatten wir nämlich durchaus das Recht dazu.

„Haben Sie denn Ihren ersten Wohnsitz in MV?“, fragte Herr Hotline.

„Nein, haben wir nicht. Das sagte ich ja gerade. Nochmal von vorne….“, wiederholte ich die komplette Story noch einmal.

Herr Hotline versicherte mir, die ganze Verordnung sei „nicht aus Jux und Dollerei“ erlassen worden, sondern diene dazu, die Corona-Viren einzudämmen. Ich versicherte mein Verständnis. Kein Verständnis hätte ich hingegen dafür, dass mein Partner und ich, die absolut keine Gefahr für das schöne MV darstellen – da wir uns nicht von unserem Grundstück entfernen – von unserem eigenen Grundstück ferngehalten werden. Für das wir sicher auch weiterhin Steuern, Gebühren und Abgaben leisten sollen.

Herr Hotline war nicht sehr beeindruckt: „Ich geben Ihnen den Ratschlag, sich fernzuhalten.“ – „Ratschläge können Sie gern geben. Wenn die Polizei mich quasi ausweist, ist das aber kein Ratschlag mehr.“

„Wir wollen das Virus eindämmen, das liegt doch in Ihrem Sinne?“ – „Natürlich. Dann sollten Sie die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns allerdings vielleicht ebenso wenig ausreisen und sich munter im Bundesgebiet umher bewegen lassen, wie Sie andere Bürger einreisen lassen, hm? Haben Sie sich letzterdings schon mal in einem Brandenburger Baumarkt umgesehen? Das sind vermutlich die Hotspots der Corona-Infektion aller Mecklenburger bzw. Pommern.“

Er hatte kein Einsehen. „Wenn das alles hier vorbei ist,“ verlegte ich mich nunmehr aufs Drohen – eine Verzweiflungstag, ihr versteht…-, „werden Sie Menschen brauchen, die in Ihr schönes Bundesland als Tourismusstandort investieren. Die dürfen Sie jetzt allerdings nicht völlig in den Wahnsinn treiben!“ – „Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Das wird schon.“ Die Regierung Mecklenburg-Vorpommerns nimmt die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus offenbar eher sportlich. Das ist bewundernswert. Andererseits wollen wir uns mal nichts vormachen: es werden dort in naher Zukunft vermutlich keine großen Rohstoffvorkommen gefunden. Der Tourismus ist wohl der bedeutendste Wirtschaftszweig in MV. Zu Recht, denn gibt dort traumhaft schöne Ecken. Und dieser Wirtschaftszweig nimmt gerade beträchtlichen Schaden. Obgleich die Wahrung der Gesundheit natürlich darüber steht, finde ich doch, dass man diesen Schaden nicht allzu leicht abtun sollte. Aber ich bin ja auch nicht an der Regierung beteiligt, was weiß ich schon.

Bla, bla, bla. So ging es weiter und weiter. Ich zeigte mich renitent. Irgendwann versprach er, meinen Fall zu klären und sich zurückzumelden. Wann?, wollte ich wissen. Er könne nicht versprechen, es noch am selben Abend zu schaffen, aber sicher vor dem Wochenende. Hm, das klang besorgniserregend schwammig.

Als ich zwei Tage später noch nichts von Herr Hotline gehört hatte, schrieb ich eine wütende Mail. An Frau Schwesig, ihr Büro und sämtliche andere Personen, deren E-Mail-Adresse ich online fand. Am nächsten Tag rief Herr Hotline an:

„Wir hatten neulich gesprochen und Sie hatten danach noch eine E-Mail geschrieben.“, fing er an. „In der Tat.“, wollte ich gerade loslegen, mich aufzuregen, als er mich schon bremste: „Ja, das ist ja auch in Ordnung so. Na jedenfalls….“ Und so erklärte er mir, dass er in Ueckermünde nach unserem Bericht gefragt hätte. Es gab also einen Bericht über uns, aha. Der Polizei hätte ich offenbar nicht erzählt, dass wir das Haus vermieten wollten. Hää? Wenn die Polizei das nicht mitbekommen hat, müsse sie taub gewesen sein, denn wir redeten ja mehrere Minuten genau über diesen Sachverhalt. Ich war schon wieder auf Hundertachtzig. Vielleicht sei das auch nur ein Missverständnis gewesen?, schlug er vor. Wenn wir IRGENDETWAS hätten, das schriftlich dokumentiere, dass wir das Haus als Gewerbe nutzen wollten, könnten wir selbstverständlich zurück nach MV einreisen. Ich warf ein, dass die Verordnung kein Gewerbe, sondern lediglich eine erwerbsmäßige Tätigkeit verlange und dass die Vermietung eines Ferienhaus nicht zwingend ein Gewerbe voraussetze. Herr Hotline gestand mir, dass er vor seiner Karriere als Hotline-Mitarbeiter im Steuerwesen gearbeitet hätte uns sich mit der Materie bestens auskenne: Wir brauchten ein Gewerbe, versicherte er. Alternativ die Bescheinigung, dass wir das Haus gezielt nicht als Zweitwohnsitz angemeldet hatten. Naturgemäß bekommt man leider keine Bescheinigungen für Dinge, die man nicht anmeldet.

Ich war allerdings schon besänftigt, denn ich war nun zuversichtlich, dass ich besagtes IRGENDETWAS auftreiben würde.

Heute klapperte ich die von Herrn Hotline vorgeschlagenen Optionen ab. Zuerst rief ich bei unserer Steuerberaterin an. Was würde es für uns bedeuten, mal eben ein Gewerbe anzumelden, wie Herr Hotline es so munter in den Raum geworfen hatte? Schien ja easy zu sein. Der verstand was von der Steuer, das hatte er gesagt! Meine Steuerberaterin war gegenteiliger Meinung: „Wenn Sie ein Gewerbe anmelden, müssen Sie auch eine Gewerbeeinkommenssteuererklärung machen.“ Eine bitte was?! Das Wort gibt es doch gar nicht, dachte ich. „Na, eine Einkommenssteuererklärung für Ihr Gewerbe, meine ich.“, erklärte sie es nochmal idiotensicher, also für mich. Das mache alles kompliziert, sehr kompliziert, meinte sie. Ich wusste nicht recht, für wen es die Sache kompliziert machte. Für uns, die wir eigentlich mal geplant hatten, unsere Steuererklärung selbst zu machen? Für sie als Mitarbeiterin einer Steuerberatungskanzlei, die sie künftig womöglich bald eine Gewerbeeinkommenssteuererklärung machen musste? Für das Finanzamt? Für Warren Buffett? Für wen? Egal, ich entschied mich spontan dagegen.

Also zur zweiten Option. Ich musste also eine Bestätigung dafür bekommen, dass ich den Zweitwohnsitz nicht angemeldet hatte. Ich rief beim für das Stettiner Amt zuständige Finanzamt an. Niemals würde da jemand ans Telefon gehen! Da ging schon in normalen Zeiten niemand ran, da konnte ich in Corona-Zeiten nichts erwarten. Nach nur einem Klingeln ging tatsächlich jemand ran. Nicht irgendjemand. Sondern tatsächlich die Sachbearbeiterin, mit der ich vor gut einem Jahr Kontakt wegen der Zweitwohnsitzsteuer gehabt hatte. Sie erinnerte sich sogar. Wurde da etwa nur ein Haus pro Jahr verkauft? Sei es drum, ich erklärte mein Problem. Sie konnte folgen. Allerdings war sie gerade im Home-Office und konnte mir nur eine kurze Bestätigung per Mail schreiben. Es würde auch keine Bestätigung sein, dass ich keinen Zweitwohnsitz angemeldet hatte, sondern nur eine Bestätigung, dass ich jetzt gerade am Telefon angab, keinen Zweitwohnsitz angemeldet zu haben. Mir war inzwischen alles egal. „Bitte schreiben Sie, was Sie können.“, verabschiedete ich mich. Kurze Zeit später hatte ich besagte Mail im Postfach. Sieht ein bisschen nach DIY-Bestätigung aus, so ganz nackig und ohne Impressum. Aber egal, es ist im Prinzip das, was wir brauchen.

Was soll ich sagen, Leute? Wir werden unser Glück mit den Mecklenburger Behörden wohl noch einmal auf die Probe stellen und uns nach Grambin wagen. Wir werden dort im Haus bleiben und niemanden gefährden, sondern die geltenden Abstandsregeln befolgen. Aber wir tun das in unserem eigenen Haus. Während wir weiterarbeiten, um das Ferienhaus irgendwann auch mal vermieten zu können. Und wenn das alles vorbei ist, werden wir unsere Nachbarn, die wir kennen und schätzen, zum essen einladen. Und darüber lachen, wie eines Tages die Polizei vor der Tür stand.

Ich hoffe, wir können dieses Kapitel damit abschließen. Achtet auf euch und eure Lieben. Bleibt unter euch und wahrt Abstand. Um es mit der Worten der von mir vielbewunderten Lisa Eckhart zu sagen: „Bleiben Sie gesund. Und bleiben Sie bei Trost.“

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katja sagt:

    Hello, aber sagt mal ihr wie zahlt ihr Zweitwohnsitzsteuer wenn ihr keinen Zweitwohnsitz angemeldet habt? Und die steuer müsst ihr doch zahlen, oder? Haben gerade ähnliches Problem, aber in Brandenburg. Hatte allerdings jetzt Original versucht rasch den Zweitwohnsitz anzumelden. Dachte es hilft. Jetzt könnte es ja das Gegenteil sein. Mmmh. Noch dürfen wir hier sein, aber es kann sich täglich ändern. Liebe Grüße

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    1. Hallo Katja,

      wenn man eine Immobilie erwirbt, welche man ausschließlich dem Zweck der Vermietung zuführt, also nicht selbst nutzen möchte, ist man nicht zweiwohnsitzsteuerpflichtig. Die Zeit der Sanierung, welche vorher notwendig ist, ist in Ordnung, wenn sie sich nicht so lange hinzieht, dass sie den Verdacht der „Liebhaberei“ weckt. Dazu wird es aber bei uns nicht kommen. Wir wollen ja wirklich vermieten. Das Haus möchten wir nach Ende der Sanierung nicht selbst nutzen. In Mecklenburg-Vorpommern ist es allerdings so, dass Zweitwohnsitzbesitzer sich ebenfalls nicht im Bundesland aufhalten dürfen, von daher weiß ich nicht, inwieweit es dir helfen würde, diesen schnell anzumelden.

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  2. Jürgen Berenfänger sagt:

    Das hilft nicht. Ihr seid in MV nicht alleine. Auch in Schleswig-Holstein und Bayern sind die Verhältnisse ähnlich. Nur Menschen mit einem ersten Wohnsitz dürfen sich in Bayern aufhalten. Dabei spielt die Diskussion um die Nutzung als Ferienhaus zur eine Nebenrolle. Das ist ein steuerliches Thema. Die „Aufenthaltsgenehmigung“ mit einem alleinigen Erstwohnsitz ist ein ordnungsbehördliches Thema. Auch in Bayern mussten alle die Wohnungen verlassen, an der Nordseeküste ist es ebenso.

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    1. Hallo Jürgen! Danke für deine Antwort. Ein bisschen tröstlich ist es ja, dass man nicht alleine ist. Ich kenne die jeweiligen Verfügungen der anderen Bundesländer nicht im Wortlaut. Die für MV sagt jedenfalls, dass man entweder einen Erstwohnsitz dort haben muss (kommt ja für uns nicht in Frage) oder seine erwerbsmäßige Tätigkeit dort nachweisen muss. Die Frage nach der Zweitwohnsitzsteuer ist deshalb zwar tatsächlich ursprünglich eine Steuerfrage, aber ihr Hintergrund gibt eben Auskunft darüber, ob man in MV „erwerbsmäßig“ tätig ist. Deswegen ist sie für uns so wichtig.

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  3. Sandraweiss sagt:

    Diese ganzen Regeln K**en mich sowas von an. Wir sind eine Berlin – Brandenburger Familie und sind vor 10 Jahren nach MV gezogen. Haben also hier unseren Erstwohnsitz. Nur leider darf die Familie uns nicht besuchen. Und den Tourismus machen sie total kaputt. Das die Polizei anscheinend mit den Oberpetzen Ihre Stunde hat, kommt auch immer öfter vor. Es gibt so einige Vorfälle, die mir bekannt sind. Wo sind wir bloß gelandet??? Und jetzt, wo die Menschen endlich anfangen auf die Straße zu gehen, sind das mit einmal alles Rechte, Verschwörungstheoretiker usw. NEIN, sind es nicht. Es sind Menschen, die die Nase voll haben (wahrscheinlich mit zuviel Kohlendioxid vom Maske tragen!!!). Jeder, der eine andere Meinung hat, wird mundtot gemacht, in den Medien gelöscht oder hat mit einmal einen an der Klatsche. Nun ja, dann werden es wohl immer mehr Verrückte, die auf die Straße gehen. Also dann, geh` den Behörden in MV mächtig auf die Nerven und ich wünsche besonders viel Erfolg dabei!!! Wir sollten alle langsam den Obrigkeiten auf die Nerven gehen!

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