Fortschritt im Oberstübchen

Es ist Samstag Abend. Der Mann und ich sitzen auf dem Sofa und starren mal wieder vor uns hin. Das passiert in letzter Zeit öfter. Keine Kraft mehr um etwas anderes zu tun als zu starren. Irgendwann rafft man sich auf, macht sich ein Brot (Überbacken. Mit Käse. Viel Käse. Viel Käse tröstet.) und trinkt ein ebenso tröstendes Getränk. Dann geht es wieder.

Wir kommen gerade von einem anstrengenden Tag von der Baustelle. Nicht der am Ferienhaus, sondern unserer neuen Baustelle, die in Omas Obergeschoss entstanden ist. Hier wollen wir bekanntlich bis zum nächsten August alles einziehfertig haben. Das ist für uns, die wir nur am Wochenende ackern können, eine enorme Herausforderung. An der Baustelle im Ferienhaus arbeiten wir immerhin seit fast drei Jahren! Dennoch läuft es aktuell noch ganz gut. Wir haben hier in den letzten drei Wochen ein Muster entwickelt, nach dem die Arbeitstage ablaufen: Am Morgen fahren wir zu meiner Schwester. Dort laden wir die Kinder ab und den Schwager ein. Er muss helfen. Anfangs boten wir an, dass er nicht jeden Tag auf der Baustelle mit uns verbringen muss, aber die Alternative – vier Kinder unter acht – vertreibt ihn aus der heimischen Wohnung und zwingt ihn in unser Auto. Dann arbeiten wir den ganzen Tag und abends tauschen wir den Schwager wieder gegen die Kinder ein.

So gehen die Tage dahin, seit drei Wochenenden inzwischen. Beinahe haben wir nun zumindest die Abrissarbeiten hinter uns. Diese alten Häuser wollen einen übrigens anfangs immer veralbern. Es sieht zu Beginn daher immer alles ganz leicht aus, so dass man sich derartig tief in das Unterfangen stürzt, dass man den point of no return verpasst. Schaut doch alles leicht aus! Guck mal, wie leicht der Putz abgeht! Im Null komma Nichts hat man den alten Boden entfernt. Und auch die ganze Vertäfelung, die in den 80ern bestimmt adrett und urgemütlich rüber kam, wehrt sich nicht lange. Nur hier und da reißt man sich einen Nagel ein, schlitzt man sich den Arm auf oder bohrt sich in den Fuß. Aber das ist so selten, dass man auf keinen Fall den Mut verliert. UUnd dann, irgendwann, ist nur noch das kleine, alte Bad übrig. So klein wie das ist, geht man guten Mutes daran. Tja, und schon hat man ihn verpasst. Den Moment, an dem man sich die Sache hätte noch anders überlegen können. An dem aufhören noch möglich gewesen wäre. Weg ist er. Denn inzwischen hat man die ersten Rechnungen bezahlt. An den Elektriker, der wie durch ein Wunder blitzschnell die Arbeit aufgenommen und die alten Zählerkästen ersetzt hat. An die Tischler, die ebenso blitzschnell den Boden ausgleichen. Für das Material, das den neuen Boden bilden soll. Für die drei Container, in die man den ganzen Rotz geschmissen hat. Und schwupps, sind zehntausend Euro weg und man denkt sich, die will man doch nicht umsonst bezahlt haben. Und dann muss man eben weiter machen. Nur, dass es ab diesem Moment keinen Spaß mehr macht. Denn das Bad kommt direkt aus der Hölle. Es besteht zu circa 70 Prozent aus Stahlbeton und man muss alles davon wegstemmen.

Den Rest der Story könnt ihr euch fast selbst denken. Seit nunmehr zwei Wochenenden versuchen wir – bisher vergebens – das Bad zu besiegen. Emsig stemmen und stemmen wir. Wir wechseln uns zu dritt ab. Einer stemmt, die anderen beiden tragen Eimer für Eimer Schutt nach unten. Wird komischerweise aber nicht weniger. Ich beschreibe euch kurz den Bodenaufbau in diesem Bad: das ganze Gemäuer ist nur ungefähr zehn Quadratmeter groß bzw. klein. Aber die haben es in sich. Mein verstorbener Onkel, der zuvor in der Wohnung gewohnt hat, steht in dem Ruf, seine handwerklichen Projekte für die nächsten fünf Generationen zu sichern. Alles wurde bombensicher angenagelt, angeschraubt oder eben so wie in dem kleinen Bad in Beton gegossen. Das Obergeschoss, in dem sich das Bad befindet, ist nicht besonders hoch und zu allem Überfluss mit einer Dachschräge ausgestattet. Dazu kommen diverse Balken, die scheinbar willkürlich im Raum verteilt sind. Mein Onkel war ein großer, kräftiger Mann. Während wir still und verzweifelt vor uns hin stemmen, überlegen wir zuweilen, wie es ihm möglich war, sich in diesem Bad auch nur um seine eigene Achse zu drehen. Alles weitere dürfte schlichtweg unmöglich gewesen sein. Und dennoch beschloss dieser große Mann, dass es eine gute Idee sei, einen Bodenaufbau von satten zwanzig Zentimetern herzustellen. Schicht für Schicht natürlich, wie es sich gehört. Den Großteil muss er gegossen haben. Vielleicht ging ihm dann und wann der Beton aus und er legte eine Schicht Fliesen darüber. Dann wieder Beton. Dann wieder Fliesen. Mancherorts versteckt sich eine Lage Linoleum. Und alles zusammen ist dann letztlich zwanzig Zentimeter stark und hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem untrennbaren Endgegner entwickelt. Eigentlich sollte man meinen, mehrere Generationen von Bewohnern haben dieses Elend in einer unbekannten Gemeinschaftsarbeit erwirkt, doch meine Großmutter schwört Stein und Bein, dass bei ihrem Einzug der blanke Dielenboden zu sehen gewesen war. Dielenboden, fragt ihr? Ja, Dielenboden. Es gibt ihn auch wirklich, wir haben ihn auf circa zehn Quadratzentimetern schon freigelegt. Die Fliesen- und Betonschichten hat man (wer auch immer) einfach drübergepappt. Nun legen wir den Dielenboden in nahezu archäologischer Präzisionsarbeit wieder frei. Dabei sind wir natürlich nicht präzise, sondern einfach nur archäologisch langsam. Ich bin ziemlich sicher, dass das arme, alte Haus mit jedem Millimeter, den wir freilegen, aufatmet. Ganz leise hört man es zischen. Könnte aber auch meine Lunge sein, die versucht, sich vom Staub zu befreien. Der Lohn der Mühe besteht in der genannten Staublunge, einem fiesen Muskelkater und seltsamen Träumen. Ihr kennt das vielleicht, wenn man eine Tätigkeit immer und immer wieder ausübt, dann tagträumt man seltsam von ihr. Wenn ich heute die Augen schließe, dann sehe ich den Boden vor mir, wie er unter dem Stemmeisen ganz langsam aufbricht. Wie Stück für Stück gelöst wird und wie sich dabei das Vibrieren in den Armen anfühlt. So geht es mir die ganze Zeit. Ich hoffe, es hört irgendwann auf.

Wenn das Bad dereinst erledigt ist, soll es übrigens einmal eine Büro-Ecke sein. In Zeiten des voranschreitenden Home-Offices ergibt sich ja bei den meisten Menschen die folgende schrittweise Einsicht:

  1. Heimarbeit am Küchentisch ist jedermanns Einstieg ins Home-Office. Dann stellt man bei diversen Zoom-Meetings fest, dass eine Küche über die kleine PC-Kamera immer unordentlich aussieht. Selbst, wenn man zufällig alle Töpfe verräumt hat, gibt es keine einzige Wand mit neutralem Hintergrund.
  2. Man zieht also ins Wohnzimmer um. Hier gibt es noch die eine oder andere uni-farbene Wand, vor der man sich halbwegs professionell in Szene setzen kann. Leider macht das der Rücken nicht lange mit. Tische zu tief, Sessel zu gepolstert, das übliche.
  3. Man beißt in den sauren Apfel, räumt den Wäscheständer beiseite und stellt sich einen Schreibtisch ins Schlafzimmer. Hässlich sieht das meistens aus! Obgleich nun ergonomisch einwandfrei, ist das die frustrierendste Phase der Heimarbeit. Denn nun kontaminiert der Schreibtisch das Heiligtum einer jeden Wohnung: das Bett. Schon beim Aufstehen lauert die Arbeit auf dem Schreibtisch. Abends blinkt hier und da ein blaues Lämpchen, das einem sagt, dass die Arbeit nur aufgeschoben, nicht aufgehoben ist. Furchtbar!
  4. Die Erkenntnis lautet: man braucht einen abschließbaren Raum für die Arbeit, damit sie sich nicht zu sehr ins Privatleben einnistet. Damit man die Tür hinter ihr zumachen kann und fortan in den zahlreichen Essenspausen nicht mehr über Kabel stolpert. Damit man auch mal schwänzen kann, ohne dass der schuldbewusste Blick auf Notizen mit dem Vermerk „Dringend to do“ fällt. Damit man nicht ständig die Smartphones verwechselt, sondern das Diensttelefon seinen festen Platz hat.
  5. Ihr versteht, was ich sagen will. Ich bin faul und will daran nicht ständig erinnert werden.

Aus diesem Grund wird es künftig eine Büro-Ecke geben. Passenderweise auf dem alten Klo. Und damit wir dort halbwegs aufrecht stehen können, müssen diese zwanzig Zentimeter fort. Und ein Fenster muss rein, damit Licht auf den Laptop fällt. Und Strom! Und eine Bar… Momentan sieht es dort jedenfalls noch so aus:

Daneben gab es auch amüsante Momente. Erst gestern zum Beispiel habe ich mit einem Dachdecker gesprochen. Da wir die Wohnung insgesamt zu dunkel finden, wollen wir noch ein paar Dachflächenfenster kaufen. Diese müssen offenbar von einem Dachdecker gesetzt werden. Das Dach ist – jedenfalls, wenn es nach Oma geht – ebenso wie die 40 Jahre alte Elektrik „neu gemacht“. Gut, wir wollen fair sein. Es wurde kurz nach der Wende neu gelegt. Ursprünglich gab es mal ein Schieferdach. Oma träumte dann immer von glänzenden dunkelblauen Ziegeln. Aber die waren zu teuer und dafür bin ich dankbar. Blauen Dächern kann ich irgendwie gar nichts abgewinnen. Um Kohle zu sparen, suchte der Dachdecker die besten Schieferplatten raus und deckte damit die vordere Hälfte des Daches. Dort, wo das Dorf drauf guckt. Man ist schließlich immer mächtig beeindruckt von Schiefer, oder? Hattet ihr noch nicht gehört vorher? Na, macht nichts, ist trotzdem so. Hinten liegen dann die ollen sparsamen Betonziegel und setzen langsam Moos an. Ich fragte Oma also, ob sie sich an den Namen des Dachdeckers erinnern könne. Oma konnte. Der Name war noch im Kopf, mehr allerdings nicht. Sie glaubte allerdings, dass der gute Mann sicher nicht mehr im Berufsleben stünde, denn er sei bereits damals „ein bisschen älter“ gewesen. Das Internet fand ihn trotzdem und so rief ich ihn gestern an. Nach kurzer Einleitung kam ich zur Sache:

„Es könnte sein, dass Sie das Dach damals sogar gedeckt haben!“ – „Ach? Wie ist denn der Name?“

Ich sagte den Namen. Der Dachdecker überlegte: „Hmm, ich kann mich erinnern. Ich glaube, die habe ich nicht mehr im PC. Muss ja 1991 oder so gewesen sein. Ganz kurz nach der Wende.“ Ich bestätigte.

„Aber ja, ich kann mich erinnern. Das ist doch so ein gelbes Haus neben einem grauen! Und auf der einen Seite haben wir damals ein Velux-Fenster reingebaut. Da in diesen kleinen Giebel auf der Hofseite. Doch, doch, ich kann mich erinnern.“

Nun frage ich mich folgende zwei Dinge:

1. Wie kann es sein, dass sich ein Dachdecker an ein einzelnes Fenster erinnert, das er vor dreißig Jahren gesetzt hat? Ich würde mich daran nicht mal erinnern, wenn es sich um ein Fenster handeln würde, das ich in meinem eigenen Haus gesetzt hätte.

2. Wie kann es sein, dass der Mann immer noch – mit detaillierter Erinnerung! – im Dienst ist, obwohl er vor dreißig Jahren „schon ein bisschen älter“ war? Vielleicht war der ja in jungen Jahren bereits grau und faltig? Immerhin dürfte er damals nicht älter als vierzig gewesen sein, um heute noch im Berufsleben zu stehen. Und selbst dann dürfte ich ihn nur auf den letzten Drücker erwischt haben.

Insgesamt eine komische Geschichte, wie ich finde. Nun, wir werden am nächsten Dienstag mehr wissen, denn dann kommt dieser topfitte Hundertjährige und wird hoffentlich erneut Fenster setzen, an die er sich noch in dreißig Jahren erinnert, wenn er endlich mit 130 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geht.

Zeitgleich mit dem Besuch des Dachdeckers wird auch der Elektriker seine Arbeit fortsetzen und die neuen Kabel ziehen. Dann steht der Vielzahl elektronischer Geräte, die wir so um uns horten, nichts mehr im Wege. Verglichen mit der Baustelle im Ferienhaus geht es also insgesamt rasend schnell voran. So schnell sogar, dass wir gar nicht mit der Planung hinterherkommen. Ein ganz neues Problem für uns! Die Handwerker geben sich regelrecht die Klinke in die Hand. Ich kann es kaum erwarten, alles mit neuen schönen Möbeln zu versehen. Während ich fürs Ferienhaus einen Style-Plan verfolge (naja, halbwegs jedenfalls), ist das Mobiliar unserer Berliner Wohnung eine über Jahre gewachsene Mischung aus Ebay-Käufen, Ikea und unheimlich praktischem Gedöns, das zwei Menschen über Jahre von einem Haushalt in den nächsten schleppten. Kein roter Faden zu erkennen. Das wird sich natürlich ein Stück weit ändern. Die Tochter wünscht sich ein Kinderzimmer für Prinzessinnen. Klaro. Da sie die kleinste Bude der Wohnung bekommt, muss diese natürlich umso schöner werden. Ich habe schon eine Tapete ausgesucht und ein Ebay-Schnäppchen (von manchen Gewohnheiten kann man sich eben nicht trennen) gekauft. Konnte einfach nicht widerstehen. Nun wartet im Keller ein wunderschöner Sessel darauf, dass Madame Platz nimmt. Das Zimmer des Sohnes soll seinem Forscherdrang gerecht werden. Mir schweben kleine Setzkästen vor, in denen er seine Schneckenhäuser, Steine, Stöckchen und sonstwas sammeln kann. Unter dem Fenster ein Mikroskop, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich bin ziemlich sicher und auch schon etwas besorgt, dass sich irgendwann etwas Lebendes in diesem Zimmer wiederfinden wird. Ach, Kinder, das wird so schön, ihr könnt es euch nicht vorstellen.

So lange uns die heimische Baustelle derartig auf Trap hält, muss das Ferienhaus ruhen. Der Sohn bedauert das sehr, denn beim letzten Besuch hat er einen gigantischen Dinosaurier (Indominus Rex, wenn es jemand genau wissen will) vor Ort vergessen, den er nun schmerzlich vermisst. Ab und an erzähle ich dem traurigen Sohn von den Abenteuern, die das Plastikvieh nun sicherlich dort erlebt, so ganz unbeobachtet von uns Menschen. Das hat ihn eine Weile getröstet, verliert aber langsam seinen Charme. Nicht nur deswegen müssen wir bald mal wieder dort weitermachen. Der letzte Raum wartet auf Vollendung. Nur noch das obere Bad und tausend Kleinigkeiten, dann können wir vermieten. Eigentlich hatten wir dafür Ostern auf dem Schirm. Aber wer weiß schon, wann man jemals wieder vermieten darf. Das nimmt uns gerade etwas Druck raus, dennoch wollen wir dieses Projekt auch mal abschließen. Also: auf geht’s!

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