Fliesen und andere schwere Brocken

Nachdem ich euch neulich verraten habe, wie es beim Women@work-Kurs von Hornbach war, wollt ihr sicher wissen, wie wir uns beim Fliesen legen im Ferienhaus in der Praxis angestellt haben, hä? Wir verraten es natürlich gern.

Wir waren am vergangenen Wochenende hochmotiviert, die Geschichte zügig zum Abschluss zu bringen. Nach unserer abendlichen Ankunft im Ferienhaus brachten wir den Nachwuchs ins Bett, aßen einen Happen und legten los. Wir veranschlagten – wie immer – ungefähr 20 Minuten für die ganze Aktion. Maximal ne Stunde und wir könnten ins Bett gehen. Womit also beginnen? Erstmal alles abkleben. Wir hatten die Küche ja vorher schon vollständig gestrichen, aber mehr, um mal etwas halbwegs Fertiges vor Augen zu haben. Es war uns also vorher schon klar, dass wir nach dem Fliesen wieder streichen mussten, aber wir wollten dieses dann wenigstens übersichtlich halten. Wir brauchten also zunächst eine gerade Linie, die wir abkleben konnten. Laser raus und los. Der Laser bestätigte zum wiederholten Mal, wie schief unsere Wände sind. In der Horizontalen ging es noch, aber in der Vertikalen gab es ein Problem: links an der zu fliesenden Wand war eine Beule von der Größe eines …mir fällt kein passender Vergleich ein…eines Elefantenpos vielleicht?! Also auf jeden Fall war es eine deutlich sichtbare Wölbung der Wand. Wir machten erstmal einen geraden Strich ran und würden die verbleibende Wölbung eben irgendwie mit Fliesenstücken belegen müssen. Ich sag euch, Kinder, man sollte sich immer besser VORHER einen richtigen Plan machen. Wenn unser ganzes Unterfangen an irgendetwas krankt, ist es mangelnde Planung. Inzwischen habe ich das aber irgendwie zu schätzen gelernt. Das meiste, was in unserem Haus passiert, ist purer Zufall. So war es mit unseren Fliesen auch. Im Internet sahen sie sehr türkis aus. Ich mag türkis. Warum eine Musterfliese bestellen? Kostet doch alles bloß Zeit. Einfach kaufen. Zum Glück waren unsere Fliesen günstig und das Risiko hielt sich in Grenzen. Ich war dennoch erschrocken, als ich die Pakete öffnete und mir ein frohes Lindgrün entgegenblitzte. Lindgrün und graue Wände? Würde das passen? Naja, musste es ja jetzt. Also los.

Wir laserten eine Weile und klebten dann mit diesem fiesen Kreppband alles ab. Ich kann Kreppband nicht leiden. Entweder es reißt, während ich es von der Rolle ziehe oder es klebt nicht, weil die Wand zu staubig ist oder es reißt, wenn ich es dann doch geklebt hat und ich es wieder von der Wand runterziehen will. Und wenn man richtig Pech hat, ist es an der Wand feucht geworden und das Papier löst sich vom Kleber, so dass der Kleber für immer an der Wand bleiben muss oder alternativ mühsam mit den Klauen, äh Fingernägeln wieder von der Wand gepult werden muss. Aber wir haben gelernt, Opfer zu bringen, also klebten wir ab. Leider verschlang dies bereits weit mehr als die veranschlagte maximale Stunde. Ehrlich gesagt, dauerte das Ganze fast zwei Stunden. Netto. Brutto brauchten wir über drei Stunden, wenn man aufkommende Streitigkeiten einberechnet, die sich an der perfekten Höhe des Fliesenspiegels entzündeten. Wir beschlossen also, das wirkliche Fliesen bis zum nächsten Tag zu verschieben.

Mehr oder weniger ausgeschlafen setzten wir die Kinder mit Frühstück vor den Fernseher. Es wundert uns übrigens gar nicht, warum sie die Wochenenden im Ferienhaus lieben (Im „weißen Haus“, wie es der Sohn vor nun anderthalb Jahren taufte. Der Name blieb und wurde von Freunden und Familie vorbildlich übernommen.). Sie sind dort weitestgehend sich selbst überlassen, können nach Herzenslust mit kleinen Steinchen spielen oder stupide kleine Serien gucken und so viele Schrei-Wettbewerbe veranstalten wie sie möchten.

Während die Kinder mampfend in den TV glotzten, rührten wir dann mal den Fliesenkleber an. Auf der Packung war nicht der kleinste Hinweis auf die notwendige Konsistenz zu finden. Im Internet variierten die Angaben von „Sahne“ zu „einfach so, dass man die Spuren der Zahnkelle deutlich sieht“. Aha, war ja mal wieder sehr präzise. Wir entschieden uns für die zweite Option, da wir die besser nachvollziehen konnten. Überraschung, Überraschung, es war trotzdem nicht fest genug. Zwar sah man die Spuren der Zahnkelle deutlich, aber die Fliesen hatten noch nicht den optimalen Halt. Zunächst pappten wir die Alu-Fliesenschiene an unsere sorgsam geklebte Kreppgrenze. Dann kam Fliese Nr. 1 an die Wand. Ich drückte sie präzise und sorgfältig in Position, wackelte ein wenig, um sie in ihrem Fliesenbett zu verankern…und sah dann fassungslos zu, wie sie sich von selbst nach Süden verabschiedete. Gaaaanz langsam rutschte sie nach unten. Ich rückte sie mit rechtschaffender Empörung wieder zurecht….und sah ihr wieder beim abwandern zu. Offenbar war der Kleber wohl doch noch nicht fest genug. Also schob ich die gottverfluchte Fliese (ja, ich wurde bereits wieder ärgerlich) ein letztes Mal in Position und behielt meine Hand darauf, während ich wie eine Bekloppte pustete, damit der Kleber trocknete. Das hatte sicher null Einfluss auf die Trocknungszeiten des Fliesenklebers, aber es fühlte sich weniger ohnmächtig an, als die nächsten fünf Minuten einfach so eine Fliese an die Wand zu drücken, die eigentlich von selbst kleben sollte. Neben mir palaverte der Mann, dass ich mich wirklich mal in Geduld üben solle. Könne schließlich nicht alles gleich beim ersten Mal klappen. Ich schwör’s euch, wenn ich meine Hand nicht zwingend auf der Fliese behalten hätte müssen, hätte ich ihm eine gescheuert. So erntete er nur mein wütendes Geheul, dass es sehr wohl beim ersten Mal klappen sollte, denn ich hatte schließlich nicht vor, diesen Fliesenspiegel zweimal anzugehen. Wir blickten uns wütend an. Im Hintergrund grölten die Kinder: „Fang mich doch, du Eierloch.“  Wir gingen die zweite Fliese an. Ab der 5. Fliese musste ich nicht mehr festhalten. Der Rest ging eigentlich ganz ok. Ein bisschen Mühe machte es dann natürlich noch, die Fliesen rund um die Steckdosen und die am äußeren Rand zu bearbeiten. War aber alles nichts gegen die ersten fünf. Tatsächlich stellte es sich nochmal als schwierig heraus, die Fugenmasse zu verteilen. Die Schwierigkeit lag hier aber nicht am Verteilen, sondern am rechtzeitigen Verteilen. Wie schnell trocknet der Mist eigentlich? Wir verteilten und verteilten und waren noch nicht einmal auf der Hälfte des Fliesenspiegels angelangt, als am Anfang schon abgewaschen werden musste. Also verteilte ich weiter und Roman wusch. Ich war aber auch hier nicht schnell genug und bald kamen wir uns wieder ins Gehege. Naja, long story short, irgendwann klappte es dann doch und mit dem Ergebnis sind wir eigentlich zufrieden. Wir trauen uns trotzdem noch nicht zu, die Bäder zu fliesen, aber da wir auch hier eigentlich keine andere Option haben, spielt es keine Rolle, was wir uns zutrauen oder nicht.

Am nächsten Tag mussten wir dann nur noch ein wenig Streicharbeiten erledigen und schon erstrahlte die Küche in bestem Glanze.

Und Knall auf Fall ging es am letzten Wochenende auch in der Küche weiter: die Küche selbst kam nämlich an. Wir hatten extra wieder meine Mom eingeladen, auf dass sie ein wenig die Kinder bespaßen sollte und wir uns dem Küchenaufbau widmen konnte. Gekauft haben wir sie ganz ordinär bei Ikea. Hier waren wir relativ (für unsere Verhältnisse) schnell entschlossen. Außerdem hatten wir ohnehin irgendwann beschlossen, den weiteren Verlauf der Sanierungsarbeiten ebenfalls dem Zufall zu überlassen. Also rein zu Ikea, Griffe, Fronten und Arbeitsplatte gewählt und bestellt. Letzten Donnerstag und Freitag haben wir dann zwei Urlaubstage geopfert und sind mit meiner Mom ans Haff. Wir hatten den Anhänger dabei und dachten (jajajaja, ICH dachte), es sei eine gute Gelegenheit, auch das Küchenbuffet mitzunehmen, dass seit einem halben Jahr in unserem Keller auf sein neues Zuhause wartet. Dieses Küchenbuffet bewunderten wir übrigens geschlagene drei Jahre lang jeden Tag auf dem Weg zu Kita der Kinder. Es stand vernachlässigt in einem alten Ladengeschäft, das schon seit Ewigkeiten geschlossen war. Jeden Tag sahen wir es an und fragten uns, warum es da einfach so stand und nicht einfach verkauft wurde. Nach mehr als zwei Jahren war der Schrank ganz kurz Gesprächsgegenstand bei den Schwiegereltern und siehe da!, der Schwiegervater kannte den ehemaligen Ladeninhaber. Jetzt dauerte es nur noch wenige Monate und 25 WhatsApp-Messages, bis ein Verkauf tatsächlich zustande kam. Ok, und wenige Monate, 25 WhatsApp-Messages und einen Höllentransport, bis es endlich im Wohnbereich des Ferienhauses stand. Das Verladen des Prachtstückes aus unserem Berliner Keller bis in den PKW-Anhänger war schon schlimm genug, konnte aber letztlich noch bewältigt werden. Nach zwei Stunden Autofahrt und einer spätabendlichen Ankunft in Grambin hatten uns allerdings die letzten Kräfte verlassen. Seltsamerweise bemerken die Kinder immer auf die Sekunde genau, wenn der Motor ausgeschaltet wird. Eben noch fröhlich vor sich hingeschnarcht, zack!, sind sie herzzerreißend am weinen. Manchmal weniger herz- als nervenzerreißend. Während ich die Haustüre aufschloss, koppelte Roman den Anhänger ab. Als ich mich gerade wieder zu den Kindern begeben wollte, stolperte ich fast über eine Gassi gehende Anwohnerin nebst Hund. Puh! Fröstelnd positionierte ich mich nun neben dem Auto (die Tochter war wieder eingeschlummert und ich würde den Teufel tun, eine Autotür unnötig klappen zu lassen). In diesem Moment grüßte direkt hinter mir lautstark eine männliche Stimme und wünschte einen guten Abend. Ich schrie auf vor Schreck. Meine Güte, was war denn das für ein Betrieb hier auf Grambins nächtlichen Straßen!

Kälte, Müdigkeit, weinende Kinder und die Aussicht auf den schweren Schrank ließen Romans und meine Laune in den Keller sinken. Aber es half ja nichts. Das Oberteil des Buffets konnte man abnehmen. Es war sehr viel leichter als das Unterteil und wir trugen es zuerst hinein. Dann kam der schwierige Teil. Zur Haustür führt bei uns eine Treppe, sozusagen ins Hochparterre. Bis wir am Fuß der Treppe angelangt waren, waren wir kurz davor, uns gegenseitig totzuschlagen. Wir wüteten wie die Fischweiber. „Das ist alles deine Schuld! Ich wollte das Mistding von Anfang an nicht mitnehmen.“, lautete Romans Einstiegs-These. „Halt einfach mal den Mund und lass es uns hinter uns bringen!“, konterte ich galant. Wir schnauften uns eine Treppenstufe weiter. Ich brauchte eine Pause. „Ich brauche eine Pause!“, forderte ich also.

„Du wolltest das Scheißding, jetzt trag‘ es auch.“ (er)

„Manchmal hasse ich dich!“ (ich)

„Ich hasse dich die ganze Zeit!“ (er)

„Grrrr, f**k dich!!“ (ich)

Und während wir uns die zärtlichsten Liebesbekundungen wüstesten Beleidigungen an den Kopf warfen, sandte Grambin seine nächste nächtliche Überraschung:

„Sie brauchen wohl Hilfe, was?“, schallte es auf einmal sanft hinter uns. Ein älteres Ehepaar stand auf einmal direkt hinter uns. Selbst Roman (die alte Blindpese), der eigentlich die ganze Zeit das Gesicht in Richtung Straße und damit auch Stimme gewandt hatte, hatte sie nicht gemerkt. Wie hatte das Paar einfach dort stehen können? Vermutlich war es direkt aus dem Nichts erschienen. Von Gott gesandt womöglich. Einfach, weil wir es nötig hatten. Der Mann lächelte freundlich und sagte: „Ich hab zwar einen verletzten Finger, aber ich packe gerne mit an!“ Wir mussten ja echt verzweifelt wirken, wenn selbst Versehrte lieber helfend zu griffen als ordnungsgemäß zu genesen! Vor Schreck hätte ich Roman fast den Schrank auf den Fuß geworfen. Hätte ihm recht geschehen! Ich kicherte dämlich und faselte, dass das doch nicht nötig sei. Die Frau nickte einfach gütig und schob ihren Mann nach vorne. Der packte nun wirklich an und nur wenige Sekunden später war der Schrank oben auf dem Treppenabsatz angekommen. „Ich trage ihn gern noch mit hinein.“, bot der männliche Teil des Gottesgeschenkes nun an. Auf keinen Fall würde ich diese netten Leute in unser unordentliches Haus lassen! Ich ließ wieder mein bescheuertes Kichern ab und behauptete, dass wir drinnen ein fabelhaftes Rollbrett hätten und der Rest des Weges absolut kein Problem wäre. Kaum war das Paar weiter seines himmlichen Weges gegangen, fauchte mich Roman an, dass er nicht wisse, wo das blöde Rollbrett war. Wir wuchteten den Schrank also weiter. Ich nahm mir fest vor, Roman zu ermorden, sobald der Schrank endlich an seinem Platz stand. Dass ich es dann letztlich nicht tat, lag einzig und allein an meiner Erschöpfung.

Der nächste Tag ging leider ähnlich bescheiden weiter. Die Tochter hatte sich offenbar einen ordentlichen Infekt zugezogen. Der hielt uns nun in den nächsten Tagen allesamt in Schach. Keiner konnte schlafen, keiner konnte sich auch nur unterhalten, ohne ihr klägliches Weinen zu hören. Roman musste die Küche fast alleine aufbauen, da ich die Tochter fast permanent auf dem Arm trug. Nur einmal mussten meine Mom und ich ran. Die 4 m lange Arbeitsplatte wurde zwar ordentlich bis in die Küche getragen, doch dank der dicken Verpackung konnten die Lieferanten nicht sehen, ob sie auch richtig herum lag. Dass dem nicht so war, entdeckten wir zu unserem großen Verdruss erst als sie wieder weg waren. Ich kann berichten, dass eine 4 m lange und 4 cm dicke Massivholzarbeitsplatte sehr schwer ist. Fast so schwer wie ein Buffetschrank. Um sie in die richtige Richtung zu drehen, mussten wir sie nochmal komplett aus dem Haus raus, im Garten einmal um ihre Achse drehen und dann wieder hineintragen. Boah, was für ein Elend! Dennoch: dank Romans fleißiger Arbeit stand die Küche am Samstag morgen endlich auf ihren tausend Füßchen. Die Geräte haben wir noch nicht angeschlossen, auch die Griffe warten noch auf ihre Montage. Aber das Befinden der Tochter ließ uns letztlich einknicken. Wir fuhren einfach nach Hause. Und dass meine arme Mutter und ich den Sonntag komplett im Bett verbrachten, lag entweder daran, dass wir von der Kleinen angesteckt wurden – oder an der verfluchten Arbeitsplatte. Aber seht hier, es hat sich doch gelohnt, oder?

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