Prosit, Neujahr.

2018 hätten wir also auch geschafft. Auf die Gefahr hin, mich als unglaublich alt zu outen, aber Mannomann, wie die Zeit vergeht! Wisst ihr noch, damals, als wir jung waren? Kein Smartphone, kein Internet. Wir hatten noch nicht mal ein Telefon und mussten zu einer Telefonzelle gehen und Münzen einwerfen. Später, als man technisch schon total weit entwickelt war, schleppte man Telefonkarten mit klitzekleinen Restguthaben mit sich rum. Die Fernsehgeräte waren sehr, sehr dicke, denn sie hatten Röhren. Für die Leser/innen, die noch älter sind als ich, hatten sie noch nicht einmal Farbe. Und 2019? 2019 war so unfassbar weit weg. 2019, da würden die Autos schon fliegen, dachten wir. 2019 würden wir alle silberne Kleidung tragen auf unserem täglichen Arbeitsweg zum Mond. 2019 würde quasi nie eintreten, weil es einfach zu fern war. Und jetzt ist es da.

Die Jahreswende haben wir natürlich im Ferienhaus verbracht. Gleich nach unserem Familienmarathon an den Weihnachtsfeiertagen haben wir die Koffer gepackt (inzwischen brauchen wir nur noch einen) und sind von dannen. Wir hofften auf die Hilfe meines Schwagers, der mitsamt Familie ebenfalls zum Jahreswechsel anrücken würde. Erneut fiel diese Familie dann wenig später wie die Hunnen im Ferienhaus ein. Wenige Minuten später waren sämtliche freien Flächen mit Holzschienen, Stiften und anderen Dingen bedeckt, die allesamt beim Drauftreten schrecklich weh taten. Der Ferienhausherr und Schwager sprangen in die Arbeitsklamotten und fingen an, Holz zu hacken. Naja, zu sägen. Da wir planten, die alten Geister des Jahres 2018 mit einem kleinen Lagerfeuer zu vertreiben, hatten wir zuvor bereits eine Feuerschale gekauft. Um diese auch mit Material zu versorgen, sägten Mann und Schwager nun die alte Lattung der Deckenkonstruktionen aus den oberen Räumen in handliche Stücke. Wir wollten ja auch die Gebühren für die Schrott-Entsorgung minimieren. Gesägt, getan. Kurz darauf flackerte bereits ein munteres Feuerchen in unserem Hof. Ich muss an dieser Stelle kritisch anmerken, dass es zu viel mehr Erfolgen mit meinem Schwager nicht reichte. Irgendwie floss der Alkohol üppiger in diesen Tagen und die Arbeit wurde dafür umso zäher.

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Es wurde ein sehr anstrengend-schöner Jahreswechsel. Vier Kinder zwischen einem und fünf Jahren führen natürlich zu dem ein oder anderem Stress-Moment. Insgesamt aber habe ich die paar Tage sehr genossen. In Ueckermünde gab es am frühen Silvesterabend ein Kinderfeuerwerk, das die Kinder noch bei vollem Bewusstsein genießen konnten. Bis Mitternacht hielt dann nur noch eines von vieren durch. Dabei hatten die Grambiner durchaus einiges aufgefahren: es böllerte und knallte aus allen Rohren und es war ein wunderbarer Anblick. Jetzt im Winter hat man von der Terrasse des Hauses einen sehr weiten Anblick, der nun mit allen Farben, die die Pyrotechnik hergibt, ausgefüllt war.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin eine große Freundin von Neujahrsvorsätzen! Natürlich werde ich auch in diesem Jahr 10 Kilo abnehmen (mindestens! Eher 15! Auf jeden Fall 10 Kilo mehr als im letzten Jahr.), ich werde viel netter zu all meinen Mitmenschen sein. Ich werde nicht so ungeduldig sein – weder mit dem Nachwuchs noch mit mir selbst. Ich werde dem Mann öfter sagen, dass ich ihn liebe und unsagbar froh bin, dass er unser kleines Abenteuer nun schon seit über einem halben Jahr ohne jede Müdigkeitserscheinung mit mir mit macht. Ich werde noch härter daran arbeiten, dass unser Traum in Erfüllung geht. Und der für diesen Blog wichtigste Vorsatz lautet: wir werden fertig mit der Sanierung unseres Ferienhauses! Das ist vielleicht noch sportlicher gedacht als mein obiges Diätvorhaben, aber ich werde auch noch härter daran arbeiten.

Wir haben auch in diesem Jahr schon ordentlich rangeklotzt. Am vergangenen Freitag wurde noch ein Container angeliefert, den wir am Wochenende gefüllt haben. Insgesamt haben wir nun also drei Container à 7 m³ Füllvermögen. Das muss man sich mal vorstellen! Das Haus war ja leer! Es waren also drei Container voller Wand- und Bodenbeläge. Eigentlich wollten wir am Wochenende beide Bäder – von denen ja eines nur noch aus zwei Wänden besteht – von den Fliesen befreien. Das obere hat uns aber wirklich an unsere Grenzen gebracht. Die Fliesen wurden dort nicht mit Fliesenkleber an die Wand gebracht sondern direkt eingemörtelt! Dickbettverlegung nennt man das. Wer macht so etwas? Früher (offenbar mindestens bis 1980, dem Baujahr unseres Ferienhauses) galt diese Art der Fliesenverlegung offenbar als Standard. Die Weiterentwicklung auch im schier lebenswichtigen Bereich der Nasszellengestaltung  ermöglicht heute zum Glück die Verlegung von Fliesen mit weniger Aufwand. Es gibt zwar auch Vorteile der Dickbettverlegung (Unebenheiten des Untergrundes können durch den Mörtel ausgeglichen werden), aber da die bedauernswerten Sanierer/innen der Zukunft eure Fliesen irgendwann wieder von der Wand nehmen wollen, empfehle ich euch hiermit innigst die Dünnbettverlegung. Habt ein Herz! Verzichtet auf die sogenannte „Frisch in Frisch“-Methode. An uns hatte 1980 noch niemand gedacht. Und so mussten wir jede Fliese mühsam aus ihrem Mörtel-Bett stemmen. Wir wechselten uns dabei ab. Als Roman sein Arme nicht mehr fühlte, übernahm ich den Bohrhammer. Was für eine undankbare Aufgabe. Irgendwann findet man natürlich bei jeder Arbeit die Technik, mit der man am besten klar kommt. Ich zum Beispiel musste den Bohrhammer immer exakt in einem Winkel von 44,7658 Grad zur Wand anbringen, um so wenigstens ein Viertel einer Fliese in einem Zug abzustemmen. Dabei spritzen mir Kachelsplitter ins Gesicht, auf den Kopf und in den Ausschnitt. Wer nun denkt: „Was stellt die sich auch mit tief ausgeschnittener Bluse auf die Baustelle?“, der irrt. Ich stand da mit Shirt und Kapuzenpullover. Dennoch fanden erstaunlich viele Splitter ihren Weg in meinen BH. Bei Gelegenheit muss ich andere Handwerker fragen, wie sie zartere Körperteile vor spitzen Baustoffresten effektiv schützen. So kann das nicht weiter gehen. Eigentlich gehe ich an solche Arbeiten ja mit einer nützlichen Grund-Aggressivität zu Werke. Hier hat sie mich leider nicht so weit gebracht. Immer, wenn ich dachte, ich sollte mal ein bisschen mehr Kraft zeigen, um wenigstens eine halbe Fliese entfernen zu können, blieb der Meißelaufsatz in dem verfluchten Putz stecken und ich musste ihn mühsam mit einem manuellen Meißel und Hammer wieder loseisen. Das hat mir alles keinen großen Spaß gemacht. Vermutlich muss ich nicht einmal extra erwähnen, dass wir trotz heldenhafter Arbeitsmoral nicht fertig geworden sind. Am nächsten Wochenende geht es weiter.

Ein Gutes hatte es aber: wie fast alle zeit- und kraftraubenden Arbeiten war auch diese meditativ. Während ich mir also mit diesem verdammt lauten Bohrhammer mühsam einen Tinitus erarbeitete, schweiften meine Gedanken ab.

Ich denke in letzter Zeit oft an meinen Onkel. Er ist leider vor einigen Jahren verstorben, aber in meiner Kindheit war er sehr wichtig für mich. Er hatte viel übrig für alte Häuser und er war ein Träumer, so wie ich auch. Im Gegensatz zu mir, hatte er allerdings bedeutend mehr handwerkliches Geschick. Ich erinnere mich an viele Gelegenheiten, als ich ihm bei irgendeiner Arbeit zusah: Mal baute er meiner Oma ein neues Badezimmer, mal pflasterte er eine Auffahrt und mal mauerte er eine Gartenmauer. In meiner Erinnerung beobachte ich ihn, wie er mit einer Maurerkelle Putz an die Wand wirft und mithilfe einer gepuderten Schnur eine gerade Linie „zeichnet“. Ich wünschte, ich hätte besser aufgepasst, mehr Fragen gestellt. Ich wünschte, er wäre noch da. Dann könnte ich ihn fragen, wie das alles überhaupt funktioniert mit der Sanierung und was man tut, wenn man die verf**kten Fliesen nicht von der Wand bekommt. Er würde mir mit leicht gönnerhaften Grinsen alles erklären und fragen, warum zur Hölle ich mir keinen „ordentlichen“ Mann gesucht habe, der was davon versteht. Ich würde ihm dann antworten, dass man als unordentlicher Mann mehr Geld verdient und es ja auch eigentlich auf andere Dinge ankommt. Aber so ist das Leben: manche Gelegenheiten kommen nicht zurück.

So hatte also auch die zähe Entfernung unserer Fliesen ihr Gutes. Ich bin frisch motiviert, meine begrenzte Zeit hier auf Erden zu nutzen und das Beste aus ihr heraus zu holen. Und meine Kraft reicht nicht nur für 2019, sondern noch viele, viele Jahre mehr. Uns allen ein frohes neues Jahr!

Achso, bevor ich mit solch Pathos enden kann, schulde ich euch noch die Auflösung aus dem letzten Blogpost. Das Verschließen der Löcher, die durch die Entfernung der alten Heizungsrohre entstanden waren, haben wir 1A gelöst. Das dürft ihr nachmachen.

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