Bildergeschichte

Ein schöner verregneter Sonntag, also einer, wie er im Buche steht. Die Kinder sind bei den Großeltern, der Mann und ich sitzen auf der Couch, im TV läuft Netflix und vor uns liegen die leeren Packungen vom asiatischen Lieferservice. Zur Krönung holt der Mann den Vodka hervor und kippt ihn in den Kirschsaft, der von der gestrigen Halloween-Party noch über ist. Ich probiere einen Schluck und finde, der Saft und der Tag haben gerade noch einmal erheblich an Qualität gewonnen. So könnte es immer sein.

Tja, ist es aber nicht. Wie ich eben feststellen musste, ist mein letzter Beitrag schon über zwei Monate alt. Nun ist es nicht so, dass ich nichts zu erzählen habe, nein, mir fehlt schlicht die Zeit dazu. Die Zeit und auch die innere Ruhe, welche mir in den letzten Wochen irgendwie abhanden gekommen ist. Woran liegt es? Zum einen sicher am Job.

Vor einiger Zeit ist in meiner Social Media-Blase das Interview mit einer Scheidungsanwältin aufgetaucht, in dem diese – wie es Scheidungsanwältinnen im Interview nun einmal tun – über die Herausforderungen der Ehe spricht und wie man sie am besten hinter sich lässt. Die Herausforderungen und die Ehe. Eine Aussage ist mir besonders im Sinn geblieben: Die Anwältin sprach darüber, warum ihre eigene Ehe noch hielt, einigermaßen stabil und so glücklich, wie man nach Jahrzehnten sein kann. Sie sagte, ihr Gatte und sie seien sich vor allem in Einem immer sicher gewesen: An allem wirklich Schlechtem in der Welt sei nur der Kapitalismus Schuld. Und so kann ich auch der Notwendigkeit, Geld mit Arbeit zu verdienen, zumindest eine Teilschuld an meiner inneren Unruhe zuschieben. Ich muss es offen sagen: mein Job schlaucht. Nicht nur zeitlich, sondern eben auch mental. Schnelle Umbrüche, diverse fachliche Auseinandersetzungen, zeitliche Engpässe. Eigentlich das Übliche, aber in letzter Zeit macht es mir mehr zu schaffen als üblich. Dazu kommt die aktuelle Baustelle im Ferienhaus, welche wir nun auch irgendwann mal abschließen wollen. Und dazu kommt die nächste Baustelle bei Oma und Opa, in deren Oberstübchen wir im nächsten Sommer einziehen wollen. Auch hier kündigt sich eine komplette Sanierung an: Elektrik, Wasser und vermutlich sogar Änderungen am Grundriss, damit eine vierköpfige Familie dort gut wohnen kann. Und man mag es kaum glauben, DAZU kommt noch eine Baustelle in der Schorfheide, die ich erst ab dem übernächsten Jahr eingeplant habe, wenn überhaupt. Schließlich zieht sich hier die Klärung des Erbes seit nunmehr über einem Jahr hin. Kürzlich bekam ich einen Anruf vom örtlichen Bürgermeister. Sehr engagiert, der Mann, das muss man echt sagen. Anscheinend kümmert er sich so um seinen Ort, wie man sich das nur wünschen kann. Aktuell geht er Hinweisen aus nachbarschaftlicher Nähe nach, die sich um die Stabilität des Hauses sorgen. Offenbar stehen hier nun also in Kürze Sicherungsmaßnahmen durch das Denkmalamt an. Das kann man natürlich nur begrüßen, denn das Haus muss gesichert und erhalten werden. Wir würden uns gerne selbst darum kümmern, aber solange die rechtliche Lage noch nicht geklärt ist, freuen wir uns, wenn das Denkmalamt ein wenig nachhilft – auch wenn hier irgendwann buchstäblich die Rechnung dafür winkt.

Zusätzlich also zu dem kleinen Immobilienportfolio, um das wir innerlich Sorge tragen, kommen natürlich noch die Beschwerlichkeiten des Alltags. Die Kinder, die Partnerschaft, Corona, ihr wisst schon.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich hatte keine Zeit und keine Ruhe zum Schreiben. Doch nun stehen die Umstände günstig. Schnaps am Sonntag und ich bin hochmotiviert.

Kürzlich hatten wir eine Woche Herbstferien und waren am Haff, um ordentlich weiter zu kommen. Es ist auch gelungen, denke ich. Ein wenig getrübt war die Woche von den undurchsichtigen Erlassen in Sachen Beherbungsverbot. In der einen Woche, die wir im Ferienhaus verbrachten, gab es tatsächlich vier verschiedene Regelungen. Angefangen mit einem klassischen Einreise- und Beherbungsverbot für Bewohner*innen von Risikogebieten – zu denen Berlin bekanntlich seit einer Weile gehört – kam einige Tage später eine Stichtageregelung hinzu, durch die sich herausstellte, dass wir tatsächlich mit perfektem Timing angereist waren. Denn nur einen Tag später wurde Berlin offiziell als gesamte Stadt zum Risikogebiet erhoben und Berlinerinnen und Berliner konnten ihren Herbsturlaub in Mecklenburg-Vorpommern ohne Corona-Test vergessen. Wer nun aber nachweisen konnte, dass er bereits zuvor angekommen war, war von den Regelungen ausgenommen. Wenige Tage später wurde wiederum erlassen, dass auch die Besitzer*innen von Ferienhäusern und -wohnungen von den Regelungen ausgeschlossen waren und ebenfalls während unseres Aufenthaltes wurden die Beherbungsverbote in zahlreichen Bundesländern Stück für Stück gekippt, bis auch Mecklenburg-Vorpommern wieder davon abrückte. Dennoch ist es äußerst seltsam, dass man in seinem eigenen Haus quasi permanent die Nachrichten verfolgen muss, um bezüglich möglicher Einschränkungen up to date zu sein. Menschen, die dem Medienkonsum nicht so verfallen sind wie wir, kämen vielleicht gar nicht hinterher.

Wir begannen also vorsichtig damit, die Decken zu streichen – immer in dem Wissen, nur einen Gesetzeserlass vom nächsten Rausschmiss entfernt zu sein. Nachdem das erledigt war, waren die Wände dran. Im Baumarkt hatte ich einige Gallonen Farbe gekauft. Da unsere Baumarktbesuche mit zwei Kindern nur zu einer Hälfte aus Shopping-Erlebnis und zur anderen aus Kinder-Fangen bestehen, hatte ich dabei nicht besonders viel Ruhe und Muße. Ich hatte zwar einen vagen Plan vor Augen, wie das Ganze aussehen sollte, aber das war’s auch schon . Also griff ich kurzerhand zu den Farbtönen, die meiner vagen Vorstellung vage ähnelten und eilte zur Baustelle. Dort strich ich das Bad („Ah, braun. Interessant…“) ein erstes und ein zweites Mal („Ist aber noch fleckig, findest du nicht?“) in einem hübschen Kaffeeton, wie ich fand. Im Nachgang muss ich zugeben, dass für meinen Geschmack der Kaffee deutlich mehr Latte vertragen hätte. Aber das Haus lebt ja durch die vielen Zufälle, die uns so begegnen. Nach einer knappen Woche war der Urlaub in MV wieder derartig gesichert, dass meine Schwester und ihre Familie anreisten. Nachdem Sie ungefähr fünf Tonnen Lebensmittel für die selbstgewählte Quarantäne in den Schränken verstaut hatten, machten wir uns alle an die Arbeit. To do: Kaminzimmer. Das Kaminzimmer hat seinen Namen durch den Kamin erhalten, den wir dort eingeplant hatten. Nun, da Zeit und Geld unaufhörlich schwinden, haben wir den Kamin auf die Liste der Dinge gesetzt, dir wir „irgendwann“ mal einbauen werden. Aber auch ohne Kamin soll es ein netter, kleiner Salon werden, in dem man sich von dem lauten Esszimmer zwei Räume weiter entfernen kann, um in einsamer Ruhe ein wenig zu lesen oder sich mit Stil zu betrinken, während die lärmende Meute im Esszimmer sich an Gesellschaftsspielen ergötzt. Wie ihr euch vielleicht erinnert, liebe ich den Charme Londoner Freudenhäuser aus dem 19. Jahrhundert (Mayfair, nicht Whitechapel!). Gleichwohl ich persönlich wenig persönliche Erfahrungen mit diesen gemacht habe, reichen mir die Vorstellungen, die ich aus halbseidenen historischen Romanen und anrührenden Filmen aus den 90er Jahren gewonnen habe, um zu wissen, dass das Interieur einfach urgemütlich gewirkt haben muss. Überall Plüsch, Fransen und satte Farben. Ich kann mich mit diesem grauen, cleanen Chic einfach nicht anfreunden. Ich will, dass alles überquillt vor Üppigkeit. Vor Farben, Wärme, Weichheit und Behaglichkeit. Das alles ist für mich irgendwie… ja, was eigentlich? Es ist …. Liebe! So fühlt sich Liebe an. Wie eine warme, weiche, bunte Höhle voller angenehmer kleiner Geheimnisse. Und diesen Eindruck soll auch das Haus am Ende machen. Eigentlich würde ich gerne noch überall Teppiche, Wandbehänge und Kissen verteilen, aber aus Gründen der Hygiene verkneife ich mir das. Obwohl. Ich muss gestehen, ein Kissen habe ich auch schon für das Kaminzimmer gekauft. Gelber Samt mit bunten Fransen. Wird gleich neben der Lampe mit dem goldenen Fuß und den blauen Federn platziert. Hach, ihr könnt’s euch nicht ausmalen. Ich schweife schon wieder ab. Zusammen mit Schwager und Schwester pinselte ich so auch das Kaminzimmer. In „Ka(r)minrot“, wie es der schöne Zufall will. Ein sattes, dunkles, warmes Rot. Erinnert ein wenig an Blut. Aber an ganz frisches. Schön.

Als nächstes stand die Tapete im Kaminzimmer auf dem Plan. Hier habe ich für eine Wand eine Fototapete gekauft, die eine Bücherwand vortäuschen soll. Wie immer veranschlagten wir zwanzig Minuten dafür. Sollte hinkommen. Leider dauerte es seeeehr lange, bis wir die zwanzig Minuten starten konnten, schließlich hatten wir insgesamt vier Kinder zu betreuen und die wollten irgendwie ständig etwas essen. Die gesamte Mutterschaft scheint mir eine endlose Abfolge von Trösten und Essenszubereitung zu sein. Diese Tage waren keine Ausnahme. Wir kochten also Nudeln, Kartoffeln, Reis und circa 243 Arten Gemüse, damit jedes Kind ein annehmbares Gericht zusammenstellen könnte und Nervenzusammenbrüche minimiert wurden. Als alle Essen gegessen, alle Zähne geputzt und alle Geschichten erzählt worden waren, konnten wir uns endlich an die Arbeit machen. Der Schwager goss Sekt in die Blechtassen, die Schwester öffnete zur Feier des Tages eine full fat Coke, Roman rührte den Kleber zusammen. In der Wartezeit, die der Kleber benötigte, tranken wir Sekt und Cola und wurden immer optimistischer, was den Fortgang des Tapezierens anging. Vielleicht war sogar alles schon in fünfzehn Minuten vorbei!

Die nächsten fünfzehn Minuten verbrachten wir mit der Diskussion, wo die erste Tapetenbahn anzubringen war. Sollte man einfach auf der Hälfte der Wand einen Strich ziehen, damit alles gleichmäßig war? Roman warf ein, man sollte bei der Berechnung auch die Gesamtlänge der Wand berücksichtigen. Wie breit war eine Tapetenbahn nochmal? Ah, 53 cm. Und die Wand? Ah, 3,70 m. Konnte man diese Informationen irgendwie verbinden? Wir dividierten. Sechs Bahnen würde man also brauchen. Pi mal Daumen. Wir rechneten weiter, zogen irgendwann einen Strich und legten los. Inzwischen waren 20 Minuten um. Die erste Bahn klappte prima. Einfach rangepappt und fertig. Das Muster der Tapete bestand wie gesagt aus Bücherreihen, die sich auf hölzernen Regalen breit machten. Wir entschieden uns dafür, oben an der Decke mit einem Regal abzuschließen. Man wollte schließlich nicht die Bücher durchschneiden. War sowieso immer schwierig, die mit Kleber vollgesifften Tapeten oben mit dem Beschneidelineal (habe den Begriff gerade googeln müssen) festzuhalten und mit dem Cutter abzuschneiden, ohne die durchgesiffte Masse durchzureißen. Da muss man sich echt ranhalten. Egal, klappte beim ersten Mal noch super. Die nächsten Bahn wurde schwieriger. Unsere Decken und Wände sind einfach überall schief. Nun stellte sich also heraus, dass 53 cm den Unterschied zwischen Bücherregal und Bücherreihe machen konnte. Mann, war das alles schief hier. Ich fing schon wieder an zu fluchen und ranzte die Männer an, mir schleunigst das Werkzeug zu reichen. Der Schwager hielt seine Tasse und den Cutter, der Roman das Lineal und vorsorglich seinen Mund. Mein Unmut steigerte sich von Bahn zu Bahn. Nach 4 Bahnen hatte ich die Nase schon wieder voll. Überall Klebstoff. Langsame Männer, die Werkzeug reichen sollten, sich aber eigentlich nur unterhalten wollten. Und eng war das immer bei uns! Warum lag denn auch immer so viel Zeugs herum?! Ich schmiss dem Mann das Beschneidelineal entgegen und forderte ihn auf, das jetzt auch mal selbst zu machen. Ich würde die Rolle halten. Der Mann verweigerte den Einsatz einfach. Er war in die Schockstarre gefallen, die ihn gerne angesichts meiner Wutanfälle überkommt. Einfach still halten und Blickkontakt meiden, denkt er in solchen Situationen vermutlich und hat damit gar nicht so unrecht. Er ahnte wohl, dass er auch dieses Mal mit dieser Taktik am weitesten kommen würde. Also musste ich wieder ran. Vorletzte Bahn. Beim Abschneiden an der Decke riss die Tapete ein. Wir waren einfach zu langsam bzw. die Tapete saugte sich zu schnell mit Klebstoff voll. So war kein sauberes Schneiden möglich, auch wenn der Mann gefühlt alle fünf Minuten das Messerchen brach, um für eine frische Klinge zu sorgen. Wutschnaubend griff ich zur Schere (wieder Einsatz des Schwagers) und fummelte die entstandenen Tapeten-Puzzleteile wieder zusammen. Würde am Ende eh keiner merken, dachte ich mir. Selbst wenn ich vor lauter Wut mit dem Cuttermesser Amok laufen würde, würde das Blut meiner Kumpanen in einem wohligen Durcheinander aus antiken Büchern und karminroter Wand verschwinden. Perfekte Wahl, klopfte ich mir innerlich auf die Schulter – und bekam gleich bessere Laune. Inzwischen war es zwei Uhr morgens. Die angepeilten zwanzig Minuten wurden also mal wieder leicht überzogen. Eine Bahn noch. Ich konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten. Ich sah Roman an, dass es ihm ebenso ging. Schließlich saß er bereits auf dem Baumaterial in der Ecke, während der Schwager mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte – Cutter und Schere aber vorbildlich griffbereit. „Könnt ihr noch?“, fragte ich in der Hoffnung, alle würden verneinen und wir endlich ins Bett gehen. „Hmmm, sichi.“, kam es brummelnd aus unbekannter Zimmerecke. Nur meine Schwester war noch topfit. Die Zähne hatte sie schon geputzt und das Nachthemd bereits am Leib. „Jetzt hören wir doch nicht auf!“, sagte sie bestimmt. Sechs Augen glotzten sie an, die des Schwagers immerhin wieder auf Halbmast. Sie fuhr fort mit ihrer Motivationsmache: „Ist nur noch eine Bahn! Da wollen wir doch morgen nicht nochmal mit anfangen! Los.“

Zum Glück für sie waren wir alle zu müde für jeden Widerspruch. Still und leise (selbst mir war die Wut ausgegangen) klebten wir die letzte Bahn an, wischten den letzten Kleber weg und machten endlich Schluss.

Am nächsten Tag fragten wir die vier Kinder, was sie von unserer Wahl hielten. Hier die Ergebnisse der Umfrage:

Nichte: „Ich finde es ganz ok.“

Neffe: „Ich finde es gar nicht schön.“

Tochter (heulend): „Nicht gut. Nicht gut. Nicht gut. Wuhäää.“

Sohn: „Mama, ich finde es sehr schön. Das habt ihr schön gemacht.“

Der Sohn ist jetzt übrigens der Alleinerbe. Ich küsste sein goldenes Haar und setzte die heulende Tochter ab. Um ein hübsches Insta-Foto zu machen, schleppten Roman und ich (er ist in guten Momenten wirklich Gold wert, keine Frage) einen kleinen Retro-Sessel ins Zimmer und platzierten ihn vor der Tapete. Die heulende Tochter stieg drauf und griff nach einem aufgemalten Buch. Ging nicht. Sie teilte mir mit, ich solle ihr nun ein Buch vorlesen und zwar das Blaue. Ich erklärte, dass die Bücher nur zum Ansehen da seien und man sie nicht lesen könne. Es folgte ein weiterer epochaler Wutanfall, in dessen Verlauf die Tochter die mühsam angeklebte Tapete beinahe wieder von der Wand riss. Ts, ts, von wem sie das bloß hat…

Wer jetzt glaubt, damit sei unser Task „Tapezieren“ bereits abgeschlossen, irrt. In der folgenden Nacht widmeten wir uns dem unteren Flur. Hier, zwischen Kaminzimmer, Wohnzimmer, Bad und schöner neuer Treppe möchte ich eine kleine Wartezone einrichten. Ich stelle mir vor, dass die künftigen Gäste sich hier treffen, wenn sie einen Ausflug vorhaben. Einige haben bis eben noch einen Bissen zu sich gekommen, einige müssen noch mal schnell pinkeln und andere kommen mit ihren Habseligkeiten von oben herunter. Sie treffen sich dann alle in der Mitte, nämlich im Flur. Nachdem die Treppe schon ein Träumchen à la Landhaus geworden ist, sollte nun auch die Wandgestaltung möglichst ländlich folgen. Als wir das Haus damals kauften, wollte ich die Wände eigentlich mit einer Art Täfelung versehen. Das hatte ich mal in einem Youtube-Video gesehen und es sah wirklich recht einfach aus. Aber inzwischen sind wir etwas realistischer als am Anfang unserer Arbeiten. Wir können unser Können auch etwas besser einschätzen. Also entschieden wir uns für eine echte Light-Version der Vertäfelung: einzelne Rahmen an der Wand, die allesamt in der gleichen Farbe wie die Wand übergepinselt werden und sodann den Eindruck einer Täfelung ergeben werden. Nunja. Ich dachte, es sei doch eine gute Idee, die Rahmen mit Tapete zu füllen. Hübsch würde das aussehen. Und praktisch gar kein Aufwand sein. Wir legten also los. Bereits am vergangenen Wochenende hatten wir markiert, wo die Rahmen platziert werden sollte. Insgesamt vier Stück sollten Platz im Flur finden. Vor der Ankunft der schwesterlichen Familie hatten wir die Leisten, aus denen die Rahmen zusammengesetzt werden sollten, gekauft und lackiert. Nun würden wir die Tapetenbahnen anbringen, welche im Anschluss gerahmt werden sollten. Danach würden die Rahmen und die Wandfarbe folgen. Easy. Ein Rahmen würde also genau 53,5 cm bereit sein müssen – so breit wie eine Tapetenbahn. Oben abschließen sollten sie auf Höhe des Türrahmens. Wie gesagt, waren die Vorbereitungen bereits gelaufen und wir mussten nur noch Tapete schneiden und an die aufgezeichneten Linien kleben. Die erste Bahn war wie immer kein Problem. Die zweite Bahn wurde gegenüber der ersten Bahn angebracht. Während Roman schon die Wand einkleisterte, wo die dritte Bahn ihren Platz finden sollte, bewunderte ich unser Werk.

„Sag mal, das ist doch schief, oder?, fragte ich den Mann.

Der Mann blickte kurz zu mir: „Nee, ich seh nichts.“ Er kleisterte weiter. Ich guckte. Ich legte den Kopf schief und guckte noch mal. „Das ist doch schief! Nicht auf einer Höhe quasi.“, war ich nun ziemlich sicher. „Ich seh nichts!“, betonte der Mann und kleisterte nachdrücklich weiter. Ich merkte genau, dass er den Blickkontakt schon wieder mied. In diesem Moment kam der Schwager vorbei. Ich fragte ihn, ob das schief sei. „Ja, links hängt es tiefer.“, bestätigte er im Vorbeigehen, nur um sich wieder der defekten Klingel zu widmen. Ich konnte es nicht fassen. Roman resignierte und holte den Zollstock raus. Links hing es zwei Zentimeter tiefer. Manchmal kann ich wirklich nicht begreifen, was zum Teufel wir von Zeit zu Zeit zusammenmessen. Wie kann man sich denn so vermessen? Hier geht es ja nicht ums Versailler Schloss, sondern um einen Flur in einem 80er-Jahre-Bau! Da konnte man doch nicht auf einer Seite 10 cm von der Decke abmessen und auf der anderen 12 cm!. Das konnte es doch nicht geben! Was nun?, dachte ich.

„Was nun?“, fragte ich in die Runde. Romans Meinung war klar: „Das sieht kein Mensch!“ Ich wandte ein, dass ich es sehr wohl gesehen hätte und der Schwager auch. Die Schwester tendierte eher zu Romans Auffassung: „Hmmmmmmm, neihein…“, überlegte sie und schielte in meine Richtung. „Das sieht man wahrscheinlich wirklich nicht. Holt ja keiner den Zollstock raus.“

Sie hatten mich fast überredet. Ich überlegte laut: „Also, wenn man es wirklich nicht sieht….“

In diesem Moment kam der Schwager zurück, um für seine Klingelarbeit einen Schraubenzieher zu holen und meinte: „Naja, sieht man schon. Hängt halt links tiefer. Aber kannste trotzdem so lassen.“

Meine Meinung stand nun fest: „Wir ziehen das wieder ab!“ Entsetzen beim Mann, lediglich Schulterzucken bei der Schwester. „Hab’s gleich gewusst.“, sagte ihre Miene.

Ganz vorsichtig zogen wir die Tapete also an der einen Stelle ab, um sie an der bereits vorgekleisterten Stelle ebenso vorsichtig wieder an die Wand zu drücken. Nun war sie wirklich mit Kleister vollgesogen und als wir mit der Bürste darüber wischten, um die Luftblasen herauszudrücken, kam an den Seiten nicht nur Luft, sondern auch literweise Klebstoff hervorgequollen.

Nachdem dieses Kunststück gelungen war, konnte uns glücklicherweise nichts mehr aufhalten. Die linke Seite des Flurs wurde neu vermessen und ordnungsgemäß mit einer Tapetenbahn versehen. Auch die vierte Markierung erhielt ohne Zögern ihre Tapete.

Nur um mich zu ärgern, fragte die Schwester, ob ich denn wenigstens diese dritte und vierte Stelle ordentlich ausgemessen und an Bahn 1 und 2 angepasst hätte. Ich hatte gute Lust, in meine Verhaltensweise aus Kindertagen zurückzufallen und ihr ein paar Haare auszureißen.

„Ich SEHE doch, dass das jetzt alles auf einer Höhe ist!“, sagte ich mit rechtschaffener Empörung.

„Stimmt“, meinte sie grinsend. „Dafür hängt die eine Bahn auf dem Kopf!“

Ohrenbetäubende Stille folgten ihrer Aussage. Wir standen alle vor den einzelnen Rahmen und stierten auf die Wand. Was soll ich euch sagen? Nun sahen wir es alle. Wie hatte uns das nicht auffallen können? Die eine Bahn stand tatsächlich auf dem Kopf und das tut sie bis zum heutigen Tag und bis in alle Ewigkeit – beziehungsweise der nächsten Renovierung, denn ich wollte den Teufel tun, auch nur noch einen Finger zu krümmen. Wenn ihr also mal im Ferienhaus seid und seht, dass eine Tapetenbahn irgendwie anders ist, ja, nahezu verkehrt herum: das soll so! Das ist charmant und ich finde es, wenn auch nicht gerade großartig, dann wenigstens okay.

Und als ob das nicht genug der schlechten Erfahrungen mit dem papierenen Wandbehang wäre, folgte die Krönung am vergangenen Wochenende. Dieses Mal stand die Diele auf dem Plan. Wie so oft hatten wir uns vorgenommen, dass die Tage den Kindern gehören sollten. Wir hatten ohnehin so wenig Zeit für einander. Also verbrachten wir den Tag wie die perfekte Bilderbuchfamilie Pilze suchend im Wald. Und tapezierten erneut in der Nacht. Für die Diele hatte ich die Tapete bereits vor über einem Jahr gekauft. Eine schwarz-weiße Palmenlandschaft sollte die Diele zieren. An unendlich vielen Wochenenden in den vergangenen Monaten hatten wir die Wände gespachtelt und geschliffen, sprich: geglättet, auf dass die Tapete hübsch ordentlich und ohne jede Knubbelchen an der Wand liegen sollte. Gegen 22 Uhr begannen wir. „Wenn wir um Mitternacht fertig sind, sind wir echt gut“, versuchten wir uns gegenseitig auf die kommenden Aufgabe einzuschwören. Ihr seht, wie wir auch unser Zeitmanagement dem Fortschritt der Tapeziererei anpassten. Und los ging es. Die erste Bahn klappte standardmäßig perfekt. Dabei war es eine schwierige Bahn, immerhin musste ein Türrahmen und eine Steckdose ausgeschnitten werden. Dennoch, wir hielten uns wacker. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass wir schon oft bemerkt haben, dass bei den allermeisten Fototapeten – über die Marken und Preisklassen hinweg – die Muster niemals hundertprozentig passen. Hier und da gibt es immer Verschiebungen. Ich mag das nicht, aber wir haben gelernt, damit zu leben. Solange es keine ganzen zwei Zentimeter sind…

Auch diesmal hatten wir unsere liebe Mühe, das Muster passgenau zu platzieren. Aber das war nicht das Schlimmste. Auf einmal hatte ich Zweifel, was die Attraktivität der Tapete anging. Ich war aber sicher, Roman in den vergangenen Wochen genug zugemutet zu haben und hielt meinen Mund. Aber das war immer noch nicht das Schlimmste. Bereits nach einer halben Wand dämmerte uns, dass wir immens viel Verschnitt hatten. Der Versatz der Tapete lag bei stolzen 50 cm! Ich hatte drei Rollen gekauft. Sorgsam berechnet natürlich mit der berühmt-berüchtigten Pi-Mal-Daumen-Methode. Ihr ahnt schon, was jetzt kommt. Nach zwei Wänden, von denen eine sehr schmal war und die Haustür beinhaltete, wussten wir, dass die drei Rollen nicht reichen würden. Inzwischen war es übrigens mal wieder zwei Uhr morgens. Ich fing an zu heulen, mein wunderbarer Roman nahm mich in den Arm und ergoogelte innerhalb von fünf Minuten (in der Zwischenzeit stopfte ich mir immer noch heulend mindestens 10 Pralinen in den Mund) die gleiche Tapete mit der gleichen Seriennummer zur Hälfte des von mir ursprünglich gezahlten Preises. Was für ein Schatz er doch war!

Nun verriet ich ihm ein Geheimnis, das ich bereits seit vier Stunden mit mir herumtrug: die Tapete gefiel mir einfach nicht mehr. Beinahe bekam ich bei ihrem Anblick das Würgen. Ich schwöre, das lag nicht an den vielen Pralinen! Kleinlaut fragte ich, was er davon hielte, einfach nicht weiter zu tapezieren. „Du meinst, du willst den Rest auch wieder abmachen?“ Ich nickte. „Alles, was wir in den letzten vier Stunden rangeklebt haben?“ Ich nickte, diesmal sehr langsam und voller Scham.

Und was sagte mein großartiger Roman? Er sagte: „Ok.“

Innerhalb von zwei Minuten rissen wir nicht nur die Tapete, nein, auch die Hälfte der gespachtelten Putzschicht hinunter. Was für ein verschwendeter Abend! Und was für eine schöne Erinnerung! Egal, was kommt und wie schlecht und chaotisch es läuft, mit Roman endet es trotzdem immer gut. Nie wird er müde, uns beide gleichermaßen aufrecht zu erhalten. Das schätze ich unheimlich an ihm. Ich hoffe, ihr alle, die ihr euch ebenfalls an ein ähnliches Unterfangen wagt, habt eine ähnlich wunderbare Seele zur Unterstützung bei euch. Gold wert!

Und die Moral von der Geschicht‘: Klappt es mit dem renovieren nicht, ist der Mann an meiner Seite das hellste Licht. Danke, Roman!

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