Geschäfte

Unsere Verbannung aus Mecklenburg-Vorpommern ist vorüber. Seit Montag dürfen wir ganz offiziell wieder einreisen. In den letzten Wochen haben wir uns zum Glück nicht ausnahmslos geärgert. Auch ein paar schöne Momente waren dabei. An dieser Stelle noch einmal einen Dank an meinen inzwischen ehemaligen Arbeitgeber: Dank meines ehemaligen, wunderbaren Chefs war es – verglichen mit anderen bedauernswerten Eltern – halbwegs erträglich, die Herausforderung „Home Office mit Kind“ zu bewältigen. Trotzdem muss ich zugeben, dass jeder Tag, den ich im Büro verbringen musste/durfte, das reinste Paradies war. Wie ruhig es dort war! Himmlisch! Ein kleiner Schnack mit Kollegen an der Kaffeemaschine: Traumhaft. In Ruhe etwas abarbeiten, ohne währenddessen Peppa Wutz kommentieren zu müssen: Wohltuend! Mehrere Male nacheinander alleine aufs Klo gehen, ohne dass kleine Händchen unter der Tür durchlugten: Wunderbar!

Ich hoffe trotzdem, die letzten beiden Monate haben in Deutschland einen gewissen Mutationsdruck Richtung Digitalisierung erzeugt. Was wäre das schön, wenn deutsche Arbeitgeber einem ermöglichten, endlich der Stadt den Rücken zuzukehren und aufs Dorf zu ziehen. Dort müsste dann allerdings nicht nur Arbeiten à la remote, sondern auch ausgebautes Internet zur Verfügung stehen. Ich wäre die Erste, die Berlin verlässt und die neue Stadtflucht begründet. Lustwandelnd würde ich mit Headset durch den Garten laufen und Videokonferenzen unterm heimischen Rosenbogen halten. Allmorgendlich würde ich über den Hof promenieren, um noch vor dem ersten Zoom-Meeting die Hühner zu füttern. Meine Gesprächspartnerinnen würden statt des regulären Kindergebrülls das Meckern von Ziegen hören und anstelle des üblichen Obenrum-Bluse-untenrum-Schlüpfer trüge ich Arbeitshose und Spinnenweb-Schutz-Tuch um den Kopf (obenrum natürlich trotzdem Bluse, bin schließlich hauptberuflich mehr business als agrar unterwegs) zur Schau.

In der traurigen Realität von heute ist die Zeit des Home Office für mich stattdessen inzwischen leider vorbei, denn ich habe kürzlich einen neuen Job angetreten. Der fordert mich gehörig – zeitlich und nervlich, denn ich muss viel Neues lernen und auch mal länger im Büro bleiben. Vor dem Bürofenster sieht man nur ollen Straßenverkehr und keine einzige Grünpflanze. Da bleibt unter der Woche weder Zeit noch Nervenkostüm, um sich um ferienhäusliche Belange zu kümmern. Nicht mal der kleinste Anruf, um der mecklenburgischen Regierung auf die Nerven zu gehen. Nicht mal das kleinste Stöbern im Netz. Nix, nada, nothing at all.

Omas_Garten

Aber nun endlich – seit Montag, hurra – werden wenigstens unsere Wochenenden wieder dem Ferienhaus gehören und nicht – wie in den letzten Wochen – dem Garten meiner Großeltern. Dort haben wir allerdings auch einiges bewerkstelligt. Ok, um ehrlich zu sein, bewerkstellige ich im Garten immer nicht allzu viel, denn ich habe einen berüchtigten braunen Daumen, der alles im Umkreis von 50 m innerhalb kürzester Zeit verdorren lässt. Komischerweise habe ich trotzdem etwas für Pflanzen übrig. Drinnen und Draußen. Wenig finde ich schöner als einen prächtigen Garten voller Blüten und …nun ja…möglichst essbaren Dingen. Ich habe also weniger selbst bewerkstelligt als vielmehr meinen Mitstreitern zugesehen, wie sie etwas bewerkstelligten. Meine Schwester möchte im Garten meiner Großeltern ein Haus für sich und ihre Familie bauen. Als Kinder haben wir im Haus nebenan gewohnt und somit einen Großteil unserer Tage in ebenjenem Garten verbracht. Ein Teil des prächtigen Gartens muss nun also weg. Wir verbrachten daher mehrere Wochenenden damit, ein paar Nebengebäude auszuräumen, ungefähr eine Trilliarde Fuhren zum Wertstoffhof zu karren, Dutzende Baumstümpfe der Erde zu entreißen und hier und da scheinbar auch wieder etwas aufzubauen. So bekamen die Kinder im Garten eine neue Schaukel und eine kleine Hütte, die wir aus Zweigen und Stöckern zusammenbastelten und deren Lücken meine Schwester mit etwas auffüllte, das erschreckend nach Heu aus der vorletzten Saison aussah. Die Kinder mochten es, aber ich wollte beim Anblick der Hütte anfangen zu wiehern. Immerhin kauften wir uns so ein paar Stunden, während derer wir arbeiten konnten und die kleinen Ponys…nein, die Kinder Spaß im Garten hatten. Eine der wenigen Aufgaben, die meine Schwester mir zutraute, war die Markierung einer geraden Linie einmal quer durch den Garten. Ich hatte mir eine Park-ähnliche Anlage gewünscht (wir wollen in absehbarer Zukunft dort zusammen wohnen) und sie hatte einen Plan erstellt, wie diese Anlage aussehen sollte. Ich bekam also eine Dose Kreidespray in die Hand gedrückt (ich musste sie Roman aus der Hand reißen, der sie wiederum meinem dreijährigen Neffen entwenden musste, der sich soeben eine kräftige Sprühung direkt in die Kehle verpasst hatte und nun kurz notärztlich versorgt werden musste) und machte mich auf in den Garten. Dort sollte ich nun mithilfe des Kreidesprays den künftigen Gartenpfad markieren. Drei Meter breit, jeweils 10 Meter vom linken und rechten Nachbarn entfernt. Ich sprühte. Als Hilfe hatte ich einen Pflock, an den ich eine zehn Meter lange Schnur gebunden hatte. Den Pflock versetzte ich Stück für Stück am Grundstücksrand und sprühte dann jeweils am Ende der Schnur einen Klecks Kreide aufs üppig wuchernde Gras. So arbeitete ich mich über die ganze Länge des Gartens und hatte am Ende eine Linie. Der Garten wird auf zwei Seiten von den Nachbargrundstücken begrenzt und blickt am hinteren Ende auf ein weites Feld. Zwischen Feld und Garten verläuft an der Grundstücksgrenze ein schmaler Weg, der von den Dorfbewohnern rege zum Gassi gehen genutzt wird. Während ich den letzten Klecks sprühte, hörte ich ein lautes, männliches Hallo! rufen. Ich guckte mich kurz um, ob wirklich ich gemeint war und sah einen kräftigen Mann des Weges entlang schlendern. Vor sich ließ er gerade den unvermeidlichen Hund von der Leine – der dem Lande entsprechend von rindviehhafter Größe war. Hektisch suchten meine Augen den Zaun ab, ob sich dem Hunde irgendwo ein Schlupfloch böte, durch welches er zu mir und dem tobenden Nachwuchs gelangen könnte. Aber er lief bereits uninteressiert an sämtlichen Zaunmängeln vorbei. Das Herrchen hingegen war umso interessierter. „Wat machstn da?“, wollte er wissen. Ganz schön neugierig, fand ich. Ich würde mich nie trauen, das einer völlig fremden Person über den eigenen Zaun zu fragen. Dennoch – ich suche ja immer dörflichen Anschluss – antwortete ich bereitwillig, dass ich die neue Gartengestaltung plante. Er war skeptisch: „Dit is schief, weißte, oder?“. Ich guckte nach hinten. In der Tat sah meine gesprühte Linie nicht hundertpro gerade aus. Ob das was machte? Und was ging es ihn bitteschön an? „Wennde dit schon machst, musste dit och ordentlich machen.“, wies er mich an.

Alles klar, da war ich also mal wieder einem Experten über den Weg gelaufen. Oder besser gesagt er mir. Und wie es so ist auf einem Dorf, das man als Teenager verlassen hat und nach zwanzig Jahren wieder bewohnen will, kennt einen jeder. Das ist echt seltsam. Sobald ich im Dorf herumlaufe, grüßen mich einige Leute. Ich kenne sie nicht, aber sie kennen mich. Ich habe alle Gesichter in den letzten zwanzig Jahren vergessen. Um fair zu bleiben: sie sehen auch nicht mehr so aus wie vor zwanzig Jahren. Ich selbst hingegen werde von vielen – insbesondere älteren Personen – erkannt, welche mir grüßend zunicken. Ah, da ist ja wieder die Enkelin von Irene, denken sie dann vielleicht. Oder: Mensch, Detlefs Tochter ist auch ganz schön alt geworden. Ich grüße lächelnd zurück, aber ohne jede Ahnung, wen ich da grüße. So war es auch mit dem Besucher am Feldweg. Ich kannte ihn nicht, aber er erzählte schwunghaft aus seiner Jugend, die sich offenbar nicht unerheblich mit der meines Onkels überschnitt, in einigen seiner Geschichten kam auch mein Großvater vor. Ich nickte lächelnd vor mich hin. Zum Abschied gab es noch ein paar nette Ermahnungen: „Weßte, wie man dit macht? Einfach hinten und vorne nen Pflock in die Erde und ne Strippe zwischen. Dann kannste och ne gerade Linie machen, Menschenskind.“ Dann folgte er seinem Hund, der längst über alle Berge war.

Ich betrachtete die Linie. Sie war wirklich krumm. Ich warf das Kreidespray zu Boden. Sollte sich doch mein Neffe, der kleine Kreidefresser, darum kümmern!

Die Geschichte könnte hier enden. Tut sie aber nicht. Am nächsten Tag rief meine Schwester an. Sie befand sich erneut auf dem Grundstück meiner Großeltern. Sie klang etwas verschämt, was ich gar nicht von ihr kenne: „Hm, sag mal, Schwester….“

„Ja?“

„Ähm. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Aber…hat zufällig einer von euch in die Hütte gekackt?“

„Bitte was??!“

„Also in der Hütte… In der für die Kinder, weißte….“

„JA???“

„Also da war heute morgen ein großer Haufen Kacke. Also echt groß. Riesig.“

Ich konnte es nicht fassen: „Fragst du mich gerade ernsthaft, ob ich in eine kleine Strohhütte gekackt habe? In eine Hütte, die wir für die Kinder zusammengebaut haben?“

Sie gab es zu. Musste aber inzwischen lachen. Es war ja auch wirklich grotesk. Ich fragte Roman: „Roman, mein Liebster, hast du vielleicht in die Strohhütte gekackt?“ Entsetzen beim Mann, aber kein bisschen Schuldbewusstsein. Er leugnete und ich neigte dazu, ihm zu glauben. Ob’s die Kinder waren, überlegte ich still vor mich hin? Andererseits sind die Kinder klein und das Geschäft war groß. Riesig, hatte sie gesagt. Dennoch war ich nicht die Einzige mit diesem Gedanken. Meine Schwester sagte im selben Moment: „Meinst du, es könnte eines deiner Kinder gewesen sein?“ Sofort kam die Helikopter-Mutter in mir zum Vorschein: „Mein Kinder kacken nicht! Wenn, dann waren es deine!“, pöbelte ich ohne Rücksicht auf verwandschaftliche Bande sofort drauf los. „Hm. Ich hab die Kinder gefragt, aber…wie soll ich sagen…es ist einfach nicht deren Größe.“, sinnierte die Schwester ungerührt vor sich hin. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine derartige Unterhaltung führen würde. Ich fragte sie, wie sie dann darauf käme, dass meine Kinder in dieser Größenordnung aufs Klo bzw. aufs Stroh gehen würden, wo sie doch um einiges kleiner sind als ihre.

„Auch wieder wahr.“, stimmte sie zu. „Aber irgendwer war es.“

Während wir noch über die Hinterlassenschaften von Füchsen, Dachsen und nachbarlichen Katzen philosophierten, kam mir der Besucher am Feldweg in den Sinn. Er würde doch nicht….? Vielleicht weil ihm die krumme Linie wirklich zu schaffen machte? In Erinnerung an alte Zeiten? Meine Schwester versprach, den Zaun zu prüfen und eilte noch mit Telefon in der Hand zu selbigem um ihn einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Dem Zaun ging es gut. Nirgendwo runtergetrampelt oder löchrig. Wie hätte er also zur Hütte kommen können? Und vor allem: WARUM? Oder waren wir vielleicht versehentlich mit dem uns stetig umgebenden Lärm einem Nachbarn auf die Füße getreten, der sich auf diese unheimliche Art rächte? Gab es in unserem alten und künftigen Heimatdorf etwa Landstreicher, die die kleine Hütte gesehen hatten und allzu anziehend fanden? Um es kurz zu machen: wir wissen immer noch nicht, wer in die Strohhütte gekackt hat. Wenn jemand jemanden gesehen hat, nehmen wir gerne entsprechende Infos entgegen.

Trotz dieser skurrilen Begebenheit waren wir in den letzten Monaten gern im Garten. Es ist einfach zu schön die Kinder gemeinsam mit ihrem Cousin und ihrer Cousine zu sehen. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir alle gemeinsam auf dem Hof leben. Hoffentlich sind bis dahin alle stubenrein.

Trotzdem freue ich mich jetzt auch, wieder im Ferienhaus zu ackern. Wir müssen ja einiges nachholen. Den fertigen Estrich im Flur haben wir schon begutachten können. Er ist wirklich schön geworden. Da hat der Handwerker Recht behalten. Aber der schönste Estrich wäre nichts ohne ordentliches Baufail: Trotz gegenteiliger Absprachen hat der schnellste aller Handwerker mal eben vergessen, den Platz für die Dusche auszusparen. Nun haben wir einen wunderbaren glatten Boden – und keine bodentiefe Dusche. Wir haben hin- und her überlegt. Sollen wir einen Teil des Estrichs noch einmal entfernen? Die fehlende Aussparung ließ auch das Abflussrohr an der falschen Stelle festsitzen. Das musste nun wirklich angegangen werden. Letztlich müssen wir Zeit sparen. Und was für einige nur einen Tag Arbeit bedeuten würde, bedeutet für uns, die wir mit zwei kleinen Kindern das Haus sanieren, den Verlust eines ganzen Wochenendes. Mindestens. Es wird also keine bodentiefe Dusche geben. Wir haben lediglich die Position des Abflusses korrigiert. Am Wochenende geht es dann weiter mit der Installation. Wir haben uns für das Bad eine Deadline gesetzt: die Schließzeiten der Kita. Dann wartet ein längerer Aufenthalt im Haus und den wollen wir nicht wieder ohne Bad erleben müssen. Drückt uns die Daumen!

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jana sagt:

    Oh Mann, ich hab laut gelacht. Du schreibst so so so lustig! Ich hoffe, Ihr werdet niemals mit dem Bauen fertig! Ich würde deine Geschichten vermissen. Nee, Spaß, ich gönn euch natürlich das gute Gefühl von „endlich fertig“. Alles Liebe, Jana

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  2. Tine sagt:

    Ach herrlich, hab es Gerald vorgelesen, er hat brav zugehört und dein Schreibstil wurde hoch gelobt. Sollte dir der neue Job nicht gefallen, dann hättest du als Schriftstellerin gute Chancen…

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  3. Melanie Beck sagt:

    Herrlich Steffi! Immer wieder aufs neue soooooo lustig. Ich will auch noch viele solcher Geschichten lesen. LG Melli

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