Die Entdeckung der Langsamkeit

Den heutigen Beitrag schreibe ich aus der Bahn heraus. Komme mir dabei total digital native vor. Bin ich natürlich nicht wirklich, darum suche ich mich hier auf dem Smartphone dumm und dämlich. Alles sieht natürlich ganz anders aus als auf dem heimischen PC. Gut, sei es drum. Warum sitze ich an einem Freitag in der Bahn und nicht im Ferienhaus oder zumindest auf dem Weg dorthin, um ordentlich was weg zu arbeiten? Der Bildung wegen. Noch bevor wir unser Ferienhaus gekauft hatten, habe ich mich – aus Angst davor, in der Elternzeit vor lauter Brei kochen und Windeln wechseln im geistigen Nirwana zu landen – zu einer Weiterbildung angemeldet, die meinem beruflichen Personaler-Leben neuen Pfiff verleihen würde. Da hatte natürlich noch keiner damit gerechnet, dass ich meine Wochenenden lieber auf der Baustelle verbringen würde. Dank einiger Terminänderungen auf der Seite des Veranstalters werde ich also jetzt fast jedes Wochenende bis Mitte Februar die Freitage und Samstage in einem Seminarraum verbringen. Das Gute daran: der Seminarraum ist trocken, warm und es gibt Kaffee und Kekse. Das Schlechte daran: wir können nun also bis Februar maximal eine Nacht am Wochenende nach Grambin fahren und was schaffen. Dabei bin ich doch gerade so motiviert und das kommt ja bei mir auch nicht alle Tage vor.

Am letzten Wochenende haben wir uns darum vorgenommen, endlich dieses verfluchte Dach fertig zu machen. Ratet mal, ob wir es geschafft haben… Wir wollen es nicht allzu spannend machen: Gnaah, natürlich nicht. Aber immerhin sind nun die Dachschrägen mit Dämmwolle versehen und auch schon zur Hälfte mit einer Dampfbremsfolie bedeckt. Jetzt ist also nur noch die Decke zum Spitzboden aka Kaltdach offen. Nur noch…

Jetzt, wo das Ergebnis vorweg genommen ist, will ich mal von Anfang an berichten. Als wir Freitag Abend vor Ort ankamen und die Haustür öffneten, kam uns nicht der gewohnte eisige Hauch entgegen. Gleich der erste Blick fiel auf einen entzückenden kleinen Heizkörper. Ja, in Zeiten der Fußboden- bzw. Wandheizung gibt es auch noch Menschen, die sich über Heizkörper freuen können. Wir! Wir glotzten eine Weile verzückt und erfreuten uns an der milden Temperatur. In unserer Abwesenheit hatte also der Heizungsinstallateur wie versprochen seine Arbeit aufgenommen. Das allein ist ja schon Grund zur Freude. Ich bin ja auch auf instagram recht aktiv und beobachte dort bei vielen Bauherrinnen und Bauherren, dass auf das Handwerk nicht immer Verlass ist. Mit Erschrecken lese ich dort immer wieder, dass mancherorts Handwerker die Baustelle nach nur halb verrichteter Arbeit wieder verlassen oder gar nicht erst auftauchen. Mal ganz abgesehen davon, dass es schwierig genug ist, einen Handwerker zu finden, der Aufträge noch in diesem Jahrhundert annimmt, werden diese Aufträge oft auch kurz vor Startschuss wieder abgesagt und man steht da wie die Kuh vor’m neuen Tor und weiß nicht, wie es weiter geht. Angesichts dieser Situation waren wir also fast schon überwältigt vor Glück, dass tatsächlich jemand im Laufe der Woche so fleißig war. Dann fiel uns ein, dass das komplette Obergeschoss ja noch nackt und der Kälte schutzlos ausgeliefert war. Wir drehten die neuen Heizkörper also erstmal wieder runter. Wir wollen die Klimaerwärmung schließlich nicht höchstselbst – auf unsere Heizkosten! – erwirken.

Ein Gang durchs Haus zeigte, dass alle Heizkörper zwar schon an den Wänden hingen, aber noch nicht überall angeschlossen waren. So wurde immerhin das nackte Obergeschoss nicht schon seit einer Woche beheizt.

Als die Kinder im Bett waren, warfen der Mann und ich uns also wieder in unsere Arbeitsklamotten und legten los. Bevor es an die Verlegung der Dämmwolle gehen konnte, musste im Flur auch noch die Unterspannbahn gelegt werden. Das war eine kleine Herausforderung denn der obere Flur besteht quasi nur aus einem Absatz, von dem alle Türen abgehen, und der Treppe bzw. der Dachschräge über der Treppe. Und in ebenjene musste jetzt die Unterspannbahn rein. Vorsorglich hatte Roman bereits am letzten Wochenende einen kurzen Balken an die Wand geschraubt. Somit konnte das Podest auf Treppenabsatz und besagten Balken abgelegt werden. Besonders sicher sah das Ganze nicht für mich aus, aber ich musste ja auch nicht drauf klettern. Der mutige Mann an meiner Seite turnte wie ein Äffchen auf dem selfmade Gerüst herum und nach einer schier endlosen Frickelei gelang es irgendwann. Sollten wir in diesem Leben noch einmal mit der Isolierung des verfluchten Daches fertig werden, werde ich eine ausführliche Anleitung erstellen – für deren Richtigkeit ich natürlich keine Garantie übernehme.

Die Unterspannbahn haben wir übrigens im ersten Schritt an die Dachbalken getackert. So schließt sie natürlich nicht wirklich dicht ab. Darum haben wir im zweiten Schritt über die volle Dachbalkenlänge schmale Holzlatten über die Unterspannbahn genagelt. Hier empfiehlt sich wirklich der Kauf einer Nagelpistole. Damit geht die Arbeit tausendmal schneller. Ranhalten, drücken, zack, Nagel drin. Einfach famos. Spätestens nach 50 Nägeln ist man dankbar für jede technische Unterstützung. Nachdem die Unterspannbahn somit bombenfest an ihrem Platz saß – achtet dabei immer darauf, sie leicht „durchhängen“ zu lassen, damit eventuell eindringendes Wasser in die Mitte der Bahn geleitet wird und von dort abfließen kann – kam die Dämmwolle dran. Jeder Handwerker, der diese schon einmal verarbeitet hat, weiß, was nun kommt. Jucken, Kratzen, fluchen. Wir waren aber ganz gut vorbereitet. Lange Kleidung, Atemmaske und Handschuhe, dann geht es eigentlich. Die moderne Dämmwolle ist jedenfalls sehr viel angenehmer zu verarbeiten als die alte, die wir vor einigen Wochen herausgeholt hatten. Das schöne an der Dämmwolle ist, dass man ruckzuck Ergebnisse sieht. Man verarbeitet ja immer große Stücke und so hatten wir schnell alle Dachschrägen ausgelegt. Dazu gibt es übrigens extra ein großes Messer zu kaufen. Sieht aus wie ein Brotmesser, hat aber eine sehr hübsch aussehende gewellte Klinge, die das Schneiden fast zum Vergnügen macht.

Das Beste zum Schluss. Besser gesagt, kommt das Schlechteste zum Schluss: die Dampfbremse. Diese bildet den Abschluss aller Dämmungsschichten und soll, ihr ahnt es schon, sämtliche Dämpfe bremsen. Genauer gesagt, soll sie verhindern, dass Kondenswasser in die Dämmwolle gelangt. Diese soll möglichst staubtrocken bleiben, um ihre Dämmeigenschaften bestmöglichst zu entfalten. Wird sie feucht, besteht die Gefahr des Schimmelns. Wird sie richtig nass, fällt sie regelrecht in sich zusammen und ihr habt euch die Arbeit umsonst gemacht. Die Dampfbremse bekommt man natürlich in circa tausend verschiedenen Qualitätsvarianten. Wir haben unsere Bestellung recht allgemein im Baumarkt unseres Vertrauens abgegeben und eine Rolle blauer Folie erhalten, die an riesige Müllbeutel erinnert. Vermutlich ist sie auch aus dem selben Material entstanden. Sollte uns also am Ende Dampfbremsfolie fehlen, brauchen wir eigentlich nur an den Küchenschrank gehen und ein paar Mülltüten auseinander schneiden. Wir sind bis jetzt noch nicht fertig mit dem Auslegen der Folie. Ich kann aber bereits sagen, dass ich sie jetzt schon nicht leiden kann. Sie hat einfach zu große Ausmaße. Sie ist zu blau. Zu empfindlich. Zu stinkig. Zu alles.

Man bekommt die Dampfbremse in unterschiedlichen Größen. Manche Hersteller verkaufen sie in handlichen Stücken, die man mittels Klettband miteinander verbinden kann. Diese Mühe machte sich „unser“ Hersteller nicht. Wir hatten einfach einen riesigen 25 x 4 m großen, blauen Müllbeutel. Theoretisch könnte man also ein Zimmer mit einem einzigen Stück Folie auslegen. Dafür bräuchte man allerdings 30 Arme und 60 Hände. Verteilt auf fünfzehn sehr große Menschen, die sich nicht auf eine Leiter drängeln müssen. Da bei uns eine solche Mannschaft nicht zur Verfügung stand, schnitten wir die Folie in kleinere Stücke, die wir dann mit speziellem Klebeband verbunden haben.

Die ganze Zeit musste ich an einen Architekten denken, der recht häufig im TV zu sehen ist. Kennt ihr diese Heimwerker-Serie auf dem niveaulosen Ableger eines ohnehin schon nicht besonders anspruchsvollen Privatsenders? Da kaufen Leute ein altes Haus, das sie dann in Eigenleistung sanieren. Am Ende hoffen sie alle, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Also im Prinzip so wie wir. Im Fernsehen werden diese Menschen immer von einem Architekten beobachtet, der ihre Aktivitäten kritisch kommentiert. Sofern diese Leute auch ihr Dach dämmen, betet der Architekt beinahe mantra-mäßg vor sich her: „Der Laie bekommt das nicht dicht. Der Laie bekommt das nicht dicht. Da muss ein Fachmann ran…“. Dieses Mantra spielte sich in meinem Kopf in Endlosschleife ab. Der Laie bekommt das nicht dicht. Wir sind „der Laie“. Wir bekommen das nicht dicht, wir bekommen das nicht dicht, wir bekommen das…. Und so weiter und so fort.

Um ehrlich zu sein, ist es wirklich noch nicht dicht. Nach zwei Dachschrägen haben wir aufgegeben. Manchmal arbeiten wir so lange, dass mir richtig schwindelig vor Müdigkeit ist. Das Baby schläft ja noch nicht durch. Und das bedeutet, auch wir schlafen nicht durch. In dieser Phase des Elternseins können die Tage sehr erschöpfend sein. Wenn wir dann noch nachts arbeiten, halten wir nur eine begrenzte Zeit aus. Tja, und so wird man eben manchmal nicht fertig. Eigentlich immer. Bis jetzt haben wir noch kein Wochenende auf der Baustelle erlebt, an dem wir mit dem fertig wurden, was wir uns vorgenommen haben. So auch dieses Mal. Nach zwei Dachschrägen war erst mal Ende Gelände. Wir schmissen die Flinte ins Korn bzw. uns ins Bett.

Morgen fahren wir dann wieder in unser schrecklich-schönes Ferienhaus und hoffen ein weiteres Mal, endlich fertig zu werden. Wir wissen aber eigentlich auch jetzt schon, dass das in einer Nacht wieder nicht zu schaffen ist. Vor allem nicht, wenn man schon einen langen Fortbildungstag hinter sich hat. Immerhin: Im Laufe der letzten Woche müsste eigentlich der Fensterbauer da gewesen sein und das letzte Fenster im künftigen Kinderzimmer eingebaut haben. Außerdem wollte er noch ein paar Restarbeiten an den Fensterlaibungen machen. Wir sind gespannt und freuen uns gleichzeitig darauf, wieder etwas schönes Neues zu sehen, wenn wir kommen.

Rattansessel

Apropos Schönes: ich habe mir ja vorgenommen, jedes Wochenende mindestens eine kleine Verschönerungsmaßnahme vorzunehmen. So versuche ich zum Beispiel wenigstens das eine Zimmer, in dem wir hauptsächlich wohnen, gemütlich zu machen. Morgen werden wir dann noch einen ebay-Kauf tätigen, die ebenfalls ihren Platz im Lebe-Zimmer einnehmen wird.

Und spätestens nächstes Wochenende wird dann auch endlich für Weihnachten geschmückt, ich kann es kaum erwarten.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. ichbinsg sagt:

    Hallo. Da habt ihr wirklich eine Menge Arbeit vor euch. Ich wünsche euch, dass ihr weiterhin ordentlich zusammen vorwärts kommt. Mit der Weiterbildung und der vielen Fahrerei und den Kindern, wird das sicher noch eine anstrengende Sache bleiben. Ganz sicher wird das Ganze auch noch einige Nerven kosten. Wenn ihr euch auf das Schöne, was da entsteht konzentriert und euch als Familie und deren einzelnen Belange auch nicht vergesst (immer mal ein paar Minuten für jeden übrig haben), dann freut ihr euch irgendwann besonders, wenn alles fertig ist. Ich wünsche euch viel Glück, Spaß, Kraft und was man sonst noch alles so dazu braucht.
    Liebe Grüße… Gabi

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  2. ichbinsg sagt:

    Hallo. Da habt ihr wirklich eine Menge Arbeit vor euch. Ich wünsche euch, dass ihr weiterhin ordentlich zusammen vorwärts kommt. Mit der Weiterbildung und der vielen Fahrerei und den Kindern, wird das sicher noch eine anstrengende Sache bleiben. Ganz sicher wird das Ganze auch noch einige Nerven kosten. Wenn ihr euch auf das Schöne, was da entsteht konzentriert und euch als Familie und deren einzelnen Belange auch nicht vergesst (immer mal ein paar Minuten für jeden übrig haben), dann freut ihr euch irgendwann besonders, wenn alles fertig ist. Ich wünsche euch viel Glück, Spaß, Kraft und was man sonst noch alles so dazu braucht.
    Liebe Grüße… Gabi

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    1. Mensch Gabi, vielen lieben Dank für deine schönen Worte! So etwas braucht man, wenn man mal wieder erschöpft vor dem Riesenberg Arbeit hockt und keine Lust hat, weiter zu machen. Es kam genau zur richtigen Zeit. Tausend Dank!

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      1. ichbinsg sagt:

        Freut mich, wenn es aufgebaut hat. 🙂

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