Herbstblues

Der Herbst ist da! Eigentlich ist das eine gute Neuigkeit, denn ich mag den Herbst. Er ist gemütlich. Er leuchtet in schönen Farben. Und ganz leise trägt er bereits das Versprechen von Weihnachten in sich. Und Weihnachten ist mein Jahreshighlight.

Doch dieses Jahr ist es anders. Ich bin ein wenig verstimmt. Ein wenig traurig und niedergedrückt.

Das liegt zum einen ganz klar daran, dass unser Baby einen wichtigen Meilenstein hinter sich gebracht hat: ihren ersten Geburtstag. Pünktlich zum Herbstbeginn natürlich. Und während wir noch den Jahrestag unseres Herbstmädchens feierten, war ich schon wieder betrübt. Denn ihr Geburtstag bedeutet, dass sich unsere gemeinsame Zeit rapide ihrem Ende nähert. Seit ein paar Tagen geht sie bereits in die Kita. Sie macht sich dort gut. Weint nicht, lacht, isst, lernt neue Kameraden kennen. Alles ohne mich. Ein Jahr lang passte kein Blatt zwischen uns – nur manchmal drängelte sich der Sohn erfolgreich dazwischen – und nun geht sie ihre ersten selbstständigen Schritte.

So weit, so gut. Ich bin wirklich keine Mutter, die nicht loslassen kann. Im Gegenteil. Ich freue mich über jedes Stückchen Freiheit, das ich gewinne. Darum nun zum Knackpunkt: Ich muss wieder arbeiten. Himmel, hilf. In wenigen Tagen schon. Himmel, hilf schnell! Während der Mann noch einen Monat vor sich hindümpeln kann, bevor er ins Büro muss, darf ich mich ab Montag wieder in den morgendlichen und nachmittäglichen Berufsverkehr einordnen und dabei Aggressionen aufbauen. Da ich bei meinem Arbeitgeber innerhalb des Unternehmens meinen Arbeitsplatz wechseln werde, erwarten mich zwischendrin neue Aufgaben und neue Kolleginnen und Kollegen. Die sind bestimmt alle ganz nett, da bin ich zuversichtlich. Dennoch begleitet mich darum in den letzten Tagen meiner Elternzeit ein mulmig-aufgeregtes Gefühl.

Ursprünglich hatte ich eine längere Elternzeit geplant. Nachdem ich bei meinem Sohn den Eindruck hatte, ihn viel zu früh für seine kleine Persönlichkeit in fremde Ganztagshände gegeben zu haben, wollte ich dieses Mal gern achtzehn Monate zu Hause bleiben. Durch meinen Arbeitsplatzwechsel macht es sich nun, bereits nach einem Jahr, günstiger. Und auch finanziell ist es natürlich besser, wenn ich nicht ein halbes Jahr ohne Einkommen bin. Schließlich müssen wir das Ferienhaus ab Ende September abzahlen. Klar, Roman hätte auch einfach einen zweiten Job annehmen können, aber er ist halt auch faul.

Lange Rede, kurzer Sinn: ab jetzt kommen wir also nur noch am Wochenende in unser Ferienhaus am Stettiner Haff, das wir in den letzten Wochen so lieb gewonnen haben. Das macht mir irgendwie ganz schön zu schaffen. Und das schlimmste daran: dort ist es inzwischen wirklich sau-ungemütlich.

Eimer_Heizungsrohre

Wir haben bereits das Wasser aus den Heizungsrohren abgelassen, damit wir die Heizkörper demontieren können. Das ist der Plan für das vor uns liegende Wochenende.  Dann wird es abends, nachts und morgens (mit etwas Pech ja sogar tagsüber) richtig frisch in der Hütte. Gefördert wird diese frische Brise dadurch, dass man im Obergeschoss bis auf die Dachziegel gucken kann, da wir ja bereits die alten Decken und die alte Dämmung entfernt haben. Als ich das letzte Mal dort geduscht habe – unter dem romantisch anmutenden Dachstuhl – fühlte ich mich wie in der Dampfsauna. Das Wasser war noch angenehm heiß, aber der durch den Temperaturunterschied entstehende Dampf lies mich keine zwei Meter weit gucken.

Dazu kommt, dass wir gerade an einem Punkt angekommen sind, wo wir nicht so recht wissen, welches der nächste kluge Schritt ist. Wir müssen (am besten zeitgleich) die neue Dämmung und Deckenkonstruktion im Obergeschoss anbringen. Gleichzeitig müssen wir die Schlitze für den Elektriker ziehen. Ebenfalls gleichzeitig müssen – siehe oben – die alten Heizkörper raus, damit der Heizungsmensch kommen und sie ersetzen kann. Vorher sollten aber die Wandstücke, vor denen dann eine Heizung steht, einigermaßen sauber verputzt und gestrichen sein. Um Elektriker und Heizungsinstallateur nicht mehrfach anrücken zu lassen, hätte ich zudem im Erdgeschoss gerne bereits die Trockenbauwände für das neue Gäste-WC hingestellt. Da müssen schließlich auch Kabel und Heizkörper hin.

Was also macht man mit seiner beschränkten Anzahl Hände zuerst? Zu allem Überfluss hat mich jetzt auch noch eine dicke Erkältung gepackt, mit der ich mich am liebsten nur auf’s Sofa lümmeln möchte. Trotzdem müssen wir ranklotzen, denn vor dem Winter muss auf jeden Fall das Dach gedämmt und die neue Heizung drin sein. Ach, was sag ich? Vor dem Winter? Wenn wir ehrlich sind, ist es mir schon jetzt zu kalt.

Ich muss mich einfach in Geduld üben. Das ist ja meine ganz große Stärke. Ohne Witz. Eigentlich habe ich in den letzten Jahren gelernt, dass man auf manche Dinge eben ein bisschen warten muss. Und zumeist macht mir das gar nicht so viel aus. Nur jetzt. Weil ich hier so nörgelig und verschnupft auf der Couch sitze.

Vielleicht sollte ich mir noch einmal vor Augen führen, was wir in den letzten beiden Monaten geschafft haben? Gucken wir mal:

  1. Wir haben fast überall die Tapeten entfernt. Nur unten im Flur hängen sie noch nutzlos rum und werden vom Sohn zum Malen genutzt. Wann darf man schon mal die Wände bemalen? Es ist ein großer Spaß für ihn.
  2. Wir haben in den allermeisten Zimmern auch den Bodenbelag entfernt. Auch hier ist der Flur wieder die große Ausnahme. Allerdings sind auch noch die Bäder und die Küche gefliest.
  3. Wir haben den geplanten Durchbruch zwischen Küche und Wohnzimmer gemacht und ihn mit einem Holzrahmen abgestützt. Das war bis jetzt die tollste Aufgabe.
  4. Wir haben das untere Gäste-WC…nunja…zerstört. Wir haben zwei von vier Wänden abgerissen, wodurch es nun recht einsichtig geworden ist. Man kann noch pinkeln gehen, aber eben vor aller Augen.
  5. Wir haben das Dach entkernt und zwar gründlich. Da oben ist eigentlich gar nichts mehr außer Ziegeln. Die alte Dämmung aka Sauerkrautplatten, die krummen alten Gipskartonplatten und die alten Dachlatten, die letztere hielten, sind weg. Das war insgesamt eine Heidenarbeit. Es juckte, es kratzte, es machte Muskelkater.
  6. Ein Freund (Marco, wir danken dir immer noch von ganzem Herzen!) holte seine alten Dachdecker-Kompetenzen hervor und reparierte das Dach. Ein paar Ziegel waren bei irgendeinem unbekannten Sturm abhanden gekommen und daher gab es nun zwei Löcher im Dach. Das tat zwar der Trockenheit des Daches (Ihr erinnert euch: das Dach ist im ganzen Dorf berühmt für seine Qualität) bislang keinen Abbruch, aber man weiß ja nie. Also kletterte dieser tapfere junge Mann eines schönen Samstag-Morgens ohne jede Sicherung auf das Dach und stopfte die Löcher. Glücklicherweise hatten die Vorbesitzer im Keller noch einige Ziegel gelagert, die er nun fachmännisch einsetzte. Gottlob, er kam auch heile wieder runter.

Sanierung_Dach

Während wir oben das Dach entkernten, fing es übrigens an zu stinken. Erst nur ganz leicht, dann immer stärker. Roman und ich hatten einen kleinen Streit zur Qualität des Gestanks. Er war sich sicher, irgend etwas Totes würde im Dach vor sich hingammeln und über kurz oder lang von uns frei gelegt werden. Ich hielt dagegen und war mir sicher, es roch ganz klar nach Abfluss. Mehrere Tage debattierten wir hier vor uns hin. Letztlich hatten wir beide recht, aber ich ein wenig mehr als er: Eines Tages fand Roman mitten in der Dämmwolle ein riesiges Stück Beef Jerky. Ja, wirklich. Ungefähr so groß wie ein DINA4-Blatt. Es war sicher kein Dörrfleisch, aber es sah so aus. Das komische daran war, dass es einfach ein großes, glattes Stück getrocknetes Fleisch war. So sieht doch kein totes Tier aus! Ohne Kopf, ohne Beine, ohne alles. Wir sind uns bis heute nicht sicher, was das genau war. Wir entsorgten es mit spitzen Fingern und verbannten es aus unseren Gedanken. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, stank es auch nicht. Roman hatte also nicht wirklich recht – obwohl das Fleisch eindeutig tot war. Nur wenig später entdeckten wir die Ursache des Gestankes. Die alte Lüftung der Abwasserleitungen war kaputt. Es handelte sich noch um ein metallenes Abluftrohr, heutzutage sind sie ja aus Kunststoff. „Unseres“ war komplett durchgerostet und leitete die Abluft also nicht über das Dach hinaus, sondern quasi in das Dach hinein. Was für ein Glück man manchmal doch hat… Wir rasten also zum Baumarkt und kauften umgehend Ersatz. Dann stritten wir erneut, wer sich dieser Aufgabe widmen sollte. Schnickschnackschnuck, Streichhölzer ziehen, zwölf Runden Boxen – nichts führte zu einem Ergebnis, das von uns beiden akzeptiert werden konnte. Währenddessen stank das Rohr weiter vor sich hin. Bei jedem Gang am Rohr entlang hätte ich mich übergeben können. Das hätte die Situation übrigens auch nicht nennenswert verschlechtert.

Irgendwann bekamen wir Besuch von der Familie der besten Freundin unseres Sohnes. Da der Sohn und seine kleine Freundin C. unzertrennlich sind, haben wir uns über die Zeit angefreundet und freuten uns über ihren Besuch. Das war nun mal wirklich Glück, denn C.s Vater ist obiger Ex-Dachdecker. Und nicht nur das. Er musste auch Romans partner in crime in Sachen Abluftrohr werden – Glück für mich, Pech für ihn, harhar. Während die bedauernswerten Männer sich also die gesammelten Ekel-Gase der letzten zwanzig Jahre um die Nase wehen ließen und das Kackrohr, ähm das Abluftrohr, reparierten bzw. ersetzten, nahmen C.s Mutter und ich die Kinderschar und führten sie an den Strand, wo sie friedlich ein paar Stunden spielten. Alle Mütter dieser Welt wissen natürlich, dass das die weitaus schwierigere Aufgabe war… Als wir wiederkamen, war alles erledigt und der süße Duft von gar nichts waberte durchs Haus. Es kommt also noch ein letzter, höchst wichtiger Punkt auf die Liste:

7. Reparatur des Abwasser-Lüftungsrohres.

Insgesamt ist das doch gar nicht schlecht, oder? Auf jeden Fall für ein Paar mit zwei kleinen Störenfrieden, die vornehmlich nachts arbeiten. Kein Grund für schlechte Stimmung jedenfalls. Ich muss mich echt mal zusammenreißen.

Wir haben doch wirklich alle Zeit der Welt. Wenn es ganz arg kommt, sperren wir die Bude zu und kommen im nächsten Frühjahr wieder. Aber soweit kommt es hoffentlich nicht. Denn eigentlich freue ich mich darauf, auch die kalten Jahreszeiten da oben zu verbringen. Ich will sehen, wie alles bunt wird und dann irgendwann weiß.

Also weiter.

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